Die zwei Tage in Narita mit Taifun Hagibis

6:30 Uhr morgens, Tokyo-Kanda. Eigentlich ein recht lebendiger Stadtteil. Nicht so, wenn einer der stärksten Taifune der letzten Jahre seinen Besuch an diesem Tag angekündigt hat.

Wir hatten uns ja (im Nachhinein blöderweise) dazu entschlossen, uns zum Flughafen zu machen. Also ging es durch den strömenden Regen (ja, das war bereits der Taifun) und leeren Straßen zum Bahnhof nach Kanda.

Um dann dort in einer irgendwie surreal leeren Yamanote zur Tokyo Station zu fahren.

Am Flughafen angekommen war dann das Ausmaß des Taifuns deutlich: Alle Inlands-Flüge waren gestrichen. Alle Flüge nach 12 Uhr waren gestrichen. Alle Züge vom und zum Flughafen waren ab 12 Uhr gestrichen. Die Autobahn war gesperrt.

Im Grunde genommen bedeutete dies für uns: Wir würden den Taifun hier aussitzen müssen. Denn weg ging nix mehr.

Im Nachhinein hätten wir auch hier eigentlich ein bisschen anders handeln können. Für unseren Rückweg hatten wir nämlich zwei Tickets: Eines von Tokyo nach Singapur via Bangkok. Und unser Ticket mit LOT von Singapur über Warschau nach Düsseldorf. Dieser Flug ging Sonntag Nachts um 23:55 ab Singapur. Unser Zubringer ging am Sonntag (also dem Tag NACH dem Taifun) ab 12:30 Uhr von Tokyo aus mit Thai Airways. Wir haben bei Thai Airways gefragt, ob wir an dem Tag noch fliegen können und die Dame meinte, dass es vermutlich besser wäre, wenn wir den Flug am Sonntag nehmen würden – der würde ggf. ja fliegen. Spoiler: Würde er nicht!

Schlauer wäre gewesen, mit irgendeiner Fluglinie zwei Tickets zu kaufen, auf die bereits bezahlten Tickets zu sch***en und irgendwie aus dem Taifun-Gebiet herauszukommen. Der letzte Flug, der Narita verließ, war Singapore Airlines – dort hätten wir einfach mitfliegen sollen.

So haben wir auf unser Glück vertraut und uns dann, nachdem klar war, dass nix mehr den Flughafen verlässt, häuslich eingerichtet.

Gegen Nachmittag wurde denn die Windstärke langsam stärker. Am Ende sollte es Windböen mit Geschwindigkeiten von über 260 km/h geben (angekündigt waren 200). Auf dem Vorfeld war daher alles weggeräumt.

Und auch auf die Besucherplattform konnte man nicht.

Kein Wunder, denn beim letzten stärkeren Taifun der Saison 2019 (Faxai) haben sich mehrer geparkte Flugzeuge auf dem Rollfeld verschoben. Und dieser Taifun sollte um ein Vielfaches stärker werden.

Eine Lektion, die die Japaner aus dem Taifun Faixi gelernt hatten, war: Keine Flugzeuge landen lassen, wenn die Leute da nicht weg kommen. Damals hatte man nämlich noch Flugzeuge in Narita und Haneda landen lassen, obwohl die Züge und Busse gar nicht mehr fuhren. Ergebnis: Etwa 115.000 Menschen strandeten am Flughafen und mussten versorgt werden und irgendwo schlafen.

Für uns war das also was entspannter, denn im Terminal waren Berichten zufolge etwa 5000 Menschen. Wir hatten uns schon früh für eine Bank entschieden, wo keine Armlehnen waren, sodass wir und ein ängstlicher Panda mit seinem Wachhund uns wenigstens hinlegen konnten, wenn wir wollten.

Zur Versorgung war es leider so, dass die meisten Shops recht früh geschlossen hatten – klar: Die Angestellten mussten ja auch noch nach Hause. Einzige Option später am Abend: McDonalds oder Subways – zwei Dinge, die wir im Urlaub eigentlich versuchen zu vermeiden. Ging hier aber nicht anders.

Was macht man sonst an einem Flughafen, an dem nix mehr geht? Man geht spazieren. Glücklicherweise ging Jens gerade eine seiner Runden, als Schlafsäcke, Wasser und Kekse verteilt wurden. Dies gehörte zum Notfallplan, den die Japaner für solche Situationen haben.

Also hieß es irgendwann: Rein in den Schlafsack, Noise-cancelling Kopfhörer auf, Schlafmaske auf und versuchen, alles über sich ergehen zu lassen.

Was nicht ganz so leicht war, denn so gegen 19-21 Uhr traf der Taifun Hagibis auf Japan. Dabei gab es starken Regen, starke Winde und vor allem vor der Küste der Provinz Chiba noch ein Erdbeben der Stärke 5,7. Und in dieser Provinz liegt Narita.

Bei den Aussichten auf Wind war unser Schlaflager, direkt gegenüber einer Fensterscheibe, auch nicht die ideale Wahl. Wir wissen seitdem übrigens: Fenster können sich recht doll biegen!

Der Schlaf war also etwas unregelmäßig. Wer nicht schlief, warum auch immer (Lautstärke, Rückenschmerzen, die schnarchenden bzw. lauf Video hörenden Chinesen von der Bank gegenüber), wanderte durch die gespenstisch leeren CheckIn-Schalter sowie den Rest des Terminals.

Im Auge des Taifuns (Durchmesser übrigens 9 Kilometer) traute sich Jens auch mal nach draußen.

Und ansonsten wurde es dann irgendwann auch von den Menschen her ruhiger und quasi schon besinnlich.

Die Winde nahmen dann auch etwas ab, sodass wir glaubten, das schlimmste überstanden zu haben.

Nun, die Abflugtafel für den Sonntag versprach hier noch Hoffnung.

Und der Sonnenaufgang bei einem komplett wolkenfreien Himmel ebenfalls.

Die Nacht wurde also zumindest körperlich gut überstanden. Und wir hatten es noch gut, wenn wir uns zum Beispiel mit der japanischen Nationalmannschaft der Behinderten im Badminton vergleichen, die auch noch ihr ganzes Gepäck dabei hatten. Und vermutlich viel mehr Schwierigkeiten hatten, ein paar Minuten Schlaf zu finden.

In der festen Überzeugung, das Schlimmste überstanden zu haben, stellten wir uns dann so gegen 8 Uhr bei den Schaltern von Thai Airways an. Denn dann sollten die aufmachen und wir könnten für unseren … was ist das?

Klasse! Unser Flug TG641 wurde auf den folgenden Tag umgebucht. Was dann bedeutete, dass unsere ganze Warterei für die Katz war! Und wir vermutlich unseren Flug ab Singapur nicht bekommen würden, also: Ade, Business Class Flug mit LOT!

Auf den Schreck haben wir uns erst einmal ein Bier gegönnt.

Und die Nägel machen lassen.

Nein Quatsch. Also das mit den Nägeln. Was wir gemacht haben (und das bevor wir ein Bier getrunken haben) ist: Überlegt, was unsere Optionen sind. Entweder versuchen wir den Flug ab Singapur zu bekommen (und vergessen den Flug von Tokyo nach Singapur) oder wir buchen einen neuen Flug nach Hause und verwenden den Flug von Tokyo via Bangkok nach Singapur (und vergessen den Flug von Singapur nach Düsseldorf).

Da genau ein Flug rechtzeitig von Tokyo nach Singapur geht und dieser bereits hoffnungslos überbucht hat, mussten wir in den sauren Apfel beißen und den LOT-Flug aus unserer Planung streichen. Umbuchungen bzw. andere Routings waren nicht möglich, da der Flugplan außer Kraft gesetzt war, durch eben diesen Taifun. Auch wenn Jens alles probiert hat und mit mehreren Hotlines telefoniert hat. Zu, wie wir jetzt wissen, sehr sehr teuren Konditionen (80 Euro in Summe für alle Gespräche).

Also blieb uns nur: Wir fliegen Montag mit Thai Airways von Tokyo nach Bangkok und von Bangkok nach Singapur. Und für alles weitere müssen wir neue Tickets kaufen. Und wir würden noch ein Tag bzw. eine Nacht am Flughafen verbringen. Diese Nacht wollten wir allerdings nicht mehr auf einer Bank schlafen, also haben wir ein Zimmer im Tobu Airport Hotel gebucht – genauer gesagt das letzte, was es bei booking.com rund um Narita gab. Zum Hotel, wo wir vor 4 Jahren schon einmal waren, fährt glücklicherweise ein Shuttlebus.

Und wenn man gestresst ist, macht man halt auch Fehler: Die Hotelbuchung hat Jens dann nämlich nicht für die Nacht von Sonntag auf Montag, sondern für Montag auf Dienstag gemacht. Natürlich nicht stornierbar. Ahhhrghhhhh!

Also vor Ort noch einen auf „traurige Touristen“ gemacht und noch ein 4-Bett-Zimmer für 300 Euro die Nacht gebucht. Zusätzlich zu den 100 Euro für die Nacht, zu der wir hofften bereits weit weg zu sein.

Und in dem Zustand auch noch so eine Toiletten-Kontrolleinheit …. das gab uns dann den Rest.

Was macht man in so einer Situation: Erst einmal ruhig werden und überlegen. Und dann handeln.

Am Flughafen waren hinter uns drei Schweizer, die nach einer Umbuchungs-Arie durch ihr Reisebüro anstelle von Montag 5 Tage später am Freitag in Zürich ankommen würden. Nach Zwischenstopps in Fukuoka, Peking, Moskau und Warschau.

Das würden wir nicht machen, also suchten wir nach Flügen von Bangkok bzw. Singapur nach Düsseldorf. Die günstigsten Varianten würden uns, inkl. den Kosten für den 3. Koffer (wir sind ja davon ausgegangen, dass wir Business Class fliegen und da darf jeder 2 Koffer mitnehmen) knappe 2000 Euro kosten. Und 34 Stunden dauern. Oder wir geben knappe 3000 Euro aus und fliegen mit Austrian über Wien in Premium Economy in 17 Stunden nach Düsseldorf.

Alles nicht so toll, dementsprechend die Stimmung als wir uns in die Hotelbar aufgemacht haben, um ein Bier zu trinken und irgendwas zu essen. Was günstiges, angesichts der drohenden Kosten.

Dann hatte Jens allerdings einen seiner seltenen Geistesblitze: Warum sammeln wir eigentlich die ganzen Bonusmeilen, wenn wir sie nicht verwenden? Gut, seine erste Idee war über die Meilen ein Upgrade zu machen, sodass wir teuer, aber wenigstens bequem nach Hause kommen.

Dann merkten wir aber, dass wir für eine Menge Meilen, dafür aber für wenig Euros, einen kompletten Prämienflug buchen konnten. Ab Bangkok mit Austrian in Business Class via Wien für 142.000 Meilen. Und 280 Euro – für beide zusammen. Und das beste: Es gab viele solcher Optionen, sowohl von Bangkok oder Singapur. Von Singapur aus dann aber immer verbunden mit einer Übernachtung am Flughafen, weswegen unser Plan ab jetzt war: Wir versuchen nur bis Bangkok zu fliegen (obwohl unser Ticket nach Singapur geht) und buchen, sobald wir wissen, dass wir auch da hinkommen, ein Award-Ticket über unsere Bonusmeilen bei Miles & More.

Glücklich über diese Wendung bestellten wir dann gleich einen Burger und zwar einen Guten.

Und, da wir gerade etwa 1700 Euro gespart haben, einen Whisky dazu.

Und dann noch ein paar Bier mehr, was aber auch an den beiden Briten lag, die wir in der Bar getroffen haben. Die beiden waren Planespotter und erzählten uns dann auch den Grund, weswegen unser Thai-Flug heute ausgefallen ist. Der Taifun hat die gesamte Anflug-Elektronik zerstört. Das bedeutet: Die Flügzeuge, die nach Narita geflogen waren, mussten alle auf Sicht fliegen bzw. landen und das Risiko sind viele Fluggesellschaften nicht eingegangen, so auch Thai. Und wenn kein Flugzeug aus Bangkok kommt kann logischerweise auch keines nach Bangkok zurückfliegen.

Darüber hinaus haben wir uns mit den beiden über Gott, die Welt und den Brexit unterhalten – ein passend skurriles Ende dieses Tages. Zu allem Überfluss wurde Jens auch noch abends aus Singapur angerufen und zwar von dem LOT Check-In. Und wurde gefragt, wo wir denn wären …. Antwort: In Japan!

Am nächsten Morgen ging es dann mit dem Shuttlebus zurück zum Flughafen, so als wäre alles normal und wie immer.

OK, die Schlangen waren schon etwas länger als normal – gerade weil bei den meisten Schaltern die Passagiere von mehreren Tagen standen und einfach nur noch weg wollten.

Auch bei uns gab es erst einmal noch Konfusion beim CheckIn, denn die Dame hatte verstanden, dass wir für den nicht genutzten Teil des Tickets eine Erstattung haben wollen. Wollten wir nicht, wir wollten weg.

Und dann hielten wir die Tickets in der Hand für den Ersatzflug TG 6419 bzw. TG 641 D (delayed), wie er auch hieß.

Nach 2 Tagen ging es endlich weiter.

Ein krasses Erlebnis, auch wenn wir im Flughafen relativ wenig vom Taifun miterlebt haben bzw. nur in minimaler Gefahr schwebten. Der Taifun selber hat in Japan seine Spuren hinterlassen. Dazu ein paar Zahlen bzw. Fakten:

  • In der Provinz Chiba sind 942,5 mm Regen in 24 Stunden gefallen. In Köln fallen 796 mm im Jahr!
  • 3 Spiele der Rugby WM wurden abgesagt, das Qualifying für das Formel 1 Rennen in Suzuka wurde verschoben, weil die Sicherheit der Zuschauer nicht gesichert war
  • Etwa 800.000 Haushalte haben eine Evakuierungsanordnung erhalten
  • In Japan wurden nach aktuellem Stand Schäden in Höhe von 9 Millarden US$ verursacht, darunter 10 von 16 Shinkansen für den Hokuriku Shinkansen, weswegen die Strecke über Tage gesperrt war
  • 86 Menschen starben durch den Taifun bzw. die dadurch hervorgerufenen Überschwemmungen bzw. Einstürze – 8 werden noch vermisst (Stand 29.10.2019)

Da sind die 1-2 Tage, die wir, wenn alles klappt, später nach Hause kommen und die paar Euro, selbst wenn es die 3000 gewesen wären, doch in Relation nicht sooooooo schlimm. Auch wenn es natürlich weh tut und schade ist, dass uns so die letzten 2 Tage in Japan so verloren gegangen sind.

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