Geschichten aus Reval

Der nette, wenn auch etwas komisch gekleidete, Herr in der Touristeninformation stand also draussen und wartete. Beziehungsweise quatsche non-stop Leute an, die durch den einsetzenden Nieselregen schnell die Strasse entlang gingen.

Nach einer Weile begann Wilhelm Weltwanderer (so der Künstlername des Herren) dann aber mit seiner Tour und wir machten mit.

Die Gruppe, die diese „Free Tours“ anbietet, sind einige Freunde, die Touristen ihre Stadt Reval (der frühere Name von Tallinn) näherbringen wollen. Und dies machen sie, indem sie in 90 Minuten mit jedem, der vorbeikommt, 6 Geschichten aus der 800 jährigen Geschichte der Stadt  teilen.

Und schon einmal vorab: Tales of Reval ist jedem zu empfehlen!

Zu Beginn gibt es, wie bei so jeder Tour, kleinere Aufwärmer, um die Gruppe in Stimmung zu versetzen. In unserem Fall wurde durch ein etwas gemeinen Trick ein Typ ausgewählt, der die Flagge der Tour halten musste. Witzig war, dass der Herr (ein Ire) noch recht malat war und eigentlich eher wenig aktiv sein wollte. Naja, da musste er dann halt durch.

Bei den 6 Stops erzählte unser Guide aus der Geschichte von Reval.

Reval wurde im 11. Jahrhundert gegründet und war zuerst ein Handelsplatz der umliegenden Dörfer. 1219 eroberten die Dänen die Stadt, wurden aber bald danach von den Deutschen verdrängt, worauf ein Hin und Her der Besatzungsmacht begann. Aus 1238 stammt dann auch die erste Erwähnung von Reval als Stadt (aktuelle Besatzungsmacht waren die Dänen).

Bis 1889 war übrigens in Tallinn die Amtsspache Deutsch. Was auch daran liegt, dass Reval seit dem 12. Jahrhundert eine enge Verbindung zur Hanse hatte und später einer der wichtigsten Knotenpunkte der Hanse wurde.

Reval selber war also eine sehr reiche Stadt, allerdings auch für damalige Zeiten relativ weltoffen (sofern man ein Profit machen konnte). Die damaligen Gildenhäuser und die Häuser der Kaufleute waren offen für alle und es wurden Erfindungen und Sitten aus verschiedenen Ländern in die Kultur der Stadt integriert. Was sich bis heute noch zeigt, denn viele können mehrere Sprachen, sind in der Welt gereist und sind weltoffen.

Unser Guide war auch so ein Typ, denn er unterhielt sich zwischen den Geschichten mit den Teilnehmern der Tour, die aus Indien, England, Irland (= der Typ mit der Flagge und seine „Freunde“, die sich darüber lustig machten), Finnen, Russen, Polen und zwei Deutsche, die Spass haben.

An einem Theater, was in einem alten Kaufmannshaus liegt, sind wir sogar mal in ein Haus gegangen, da man hier gut sehen konnte, wie die alten Häuser geschmückt waren. Auch die präsent platzierte Kochecke war interessant, denn hier konnten die Kaufleute zeigen, was sie haben (Tee, Gewürze, etc.) und so ihren Wohlstand sicht- und vor allem riechbar machen.

Auch die Architektur einzelner Gebäude wurde kurz erklärt, wobei die Funktionsweise eines Krans für uns doch einfacher zu sein scheint, als für die Inder der Gruppe.

Der Ire hielt sich derweil weiter an der Fahne fest.

Auch interessant war dieses Gildenhaus, wo die Junggesellen von Reval sich vereinigt haben und so quasi eine „Azubi-Gilde“ gegründet haben.

Diese Gilde zeichnete sich auch für einen Großbrand in Reval verantwortlich, denn irgendwie hat sich die Tradition ergeben, dass nach Weihnachten die ganzen Weihnachtsbäume verbrannt werden. Und das lief irgendwann so aus dem Ruder, dass die Oberen diese Veranstaltung irgendwann vor die Stadttore verlegt haben.

Wie gesagt: Es waren viele Geschichten und jeder sei eingeladen, dieser (gratis) Tour beizuwohnen.

Das Ende der Tour ist, natürlich, das Marktplatz mit dem Rathaus. Hier kann man dann so viel für die Tour bezahlen, wie man will.

Pro Tip: Wer viele Fragen stellt oder nicht gleich wegrennt, bekommt unter Umständen noch eine Getränkeprobe. Unser Guide hat nämlich früher in der alten Hanse, einem Restaurant wo wir heute noch essen würden, gearbeitet und da gibt es einen Shop mit Gratis-Getränkeproben.

Pro Tip 2: Wer eine Getränkeprobe bekommt, versucht den Pfefferschnapps zu vermeiden!

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