Im Vorfeld haben wir uns mit Jan abgestimmt, dass wir am Samstag quasi als Highlight die Altstadt erkunden wollten. Wir haben ja recht gute Erfahrungen mit Free Tours gemacht, hatten auch am Donnerstag ja eine super Tour mit Harijs gemacht. Insofern lag es nahe, dass wir auch mit Jan eine solche Tour machen sollten und daher hatten wir im Vorfeld die „frühe“ Tour um 10 Uhr gebucht. Selbige sollte wieder an der St. Peter Kirche starten, daher machten wir uns was früher auf den Weg, denn in die Kirche selber wollten wir auch mal gehen.
Also spazierten wir durch das gerade erwachende Riga und genossen die Ruhe.
Selbst hier gibt es Beer Bikes, momentan gab es aber noch keine lärmenden Junggesellenabschiede, die am Abend zuvor mit diesen Dingern durch die engen Gassen gefahren sind.
Das Thema mit der Kirche war dann schnell erledigt, denn die Kirche machte erst um 10 Uhr auf. Und da sollte ja die Tour bereits beginnen.
Die logisch folgende Idee „Kaffee!“ war auch überraschend schwer umzusetzen – einige Cafes hatten geschlossen. In einem direkt neben der Kirche war zwar alles eingedeckt, Jens bekam aber ein lautes „Not open!“ entgegengebrüllt, als er sich erkunden wollte, ob man was bekommen könnte.
Also blieb uns nur Costa Coffee, die es von UK bis nach Lettland geschafft haben. Immerhin kein Starbucks.
Der Kaffee tat seine Wirkung und so waren wir relativ wach, als wir mit der Free Walking Tour durch die Altstadt Rigas begannen. Unser Guide heute war Mareks, ein studierter Architekt und gebürtiger Riganer.
Die Gruppe war übrigens so groß, dass noch ein zweiter Guide dazu kam und die Gruppen aufgeteilt werden. Sehr gut, denn bei so vielen Personen wäre das mit dem Zuhören schwierig geworden.
Die Tour war wieder ein Füllhorn an Informationen zur Geschichte des Landes, der Stadt und der Menschen, die hier leben. Dazu eine etwas längerer, aber immer noch viele Details auslassende Zusammenfassung der Geschichte.
Bereits vor der Gründung Rigas in 1201 bestand hier eine Siedlung von den sogenannten finno-ugrischen Liven. Grund dafür war der später zugeschüttete Bach Rīdzene, der eingedeutscht Riege genannt wurde und aus dem später der Name Riga entstehen sollte. Ende des 12. Jahrhunderts kamen immer wieder Kaufleute aus verschiedenen Ländern hier her um hier Handel zu treiben. Letztendlich waren es deutsche Kaufleute, die mit Unterstützung des Papstes Riga letztendlich zu einer Stadt und zu dem Handelszentrum der Region aufbauen würden. Insbesondere zu Beginn ihrer Geschichte erlebte die Stadt einen rasanten Aufschwung: Die bebaute Fläche wuchs in einem Vierteljahrhundert um das fünf- bis sechsfache. Die Stadt war Sitz eines Erzbischofs und gehörte seit 1282 der Hanse an.
Die Bürger der Stadt, insbesondere die Kaufleute, die sich nach der Unterwerfung der umliegenden Völkerschaften hier niederließen, hatten von Anfang an einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Stadt, was beispielsweise dadurch deutlich wurde, dass in 1211 Bischof Albert von Buxthoeven die Domschule am Dom zu Riga gründete, die erste Schule in der Region.
Im Rahmen der Ostkolonisation wurden in den nächsten Jahrzehnten vor allem Deutsche in der Region angesiedelt. Militärisch wurden sie dabei von Ritterorden unterstützt, zunächst vom Schwertbrüderorden und nach dessen Niedergang vom Deutschen Orden, in den der Schwertbrüderorden eingegliedert worden war. Insbesondere nach der Vertreibung der Kreuzfahrer aus Palästina begann sich der Deutsche Orden verstärkt um die osteuropäischen Gebiete zu kümmern, zunächst Preußen, aber auch Livland. Der Deutsche Orden war eine machtvolle eigenständige kirchliche Körperschaft und so begannen hier vielen, viele Auseinandersetzungen, teils mit Waffengewalt, teils mit Prozessen vor dem Papst.
1522 schloss sich Riga der Reformation an. Oder wie es unser Guide formulierte: „Was? Man kann seine Religion ändern und muss nix mehr an den Papst zahlen? Super, machen wir!“ Pragmatisch waren die Leute hier also schon früher.
Irgendwann kamen dann die Schweden dazu, auf mehr Kriege folgten immer wieder Zeiten, in denen die Stadt auflühte. 1587 wurde beispielsweise die erste Druckerei des Baltikums in Riga gebaut. Die Schweden übernahmen (auch genannt: Die ruhige, schöne Zeit!) und wurde zur zweitgrößten Stadt Schwedens. Im Russisch-Schwedischen Krieg (1656–1658) hielt Riga der russischen Belagerung stand und bewahrte bis Anfang des 18. Jahrhunderts seine Stellung als eine der wichtigsten Städte Schwedens. In dieser Zeit genoss Riga weitgehende Selbstverwaltung. Das sollte aber nicht allzu lange Bestand haben, denn der im Sommer 1721 geschlossene Frieden von Nystad ebnete den Aufstieg Russlands zur Großmacht an der Ostsee. Riga wurde darin dem Zarenreich Russland zugeschlagen.
Im Jahr 1800 zählte Riga rund 30.000 Einwohner; davon waren 47% Deutsche, 25% Letten und 14% Russen. Die Letten arbeiteten als Hilfsarbeiter der Händler, als Ligger an der Stadtwaage und an der Wrake, als Salzträger und als Bierträger, als Hanfschwinger, als Fischer usw. – Riga war weiterhin eine Hansestadt. Die neu eingeführten Stände bildeten dies auch ab.
Naja und dann kam Napoleon. Als er Russland überfiel, zogen Teile seiner Truppen auch in Richtung Riga, was zu einer witzigen Anekdote führte. Denn die Stadt war so gebaut, dass man außerhalb der Stadtmauern Häuser bauen konnte aber diese nur aus Holz sein durften. Die Idee war: Greift jemand die Stadt an, würde man die Häuser anzünden, um so dem Feind kein Material oder Unterkunft zu übergeben. Ein Späher hatte am 11. Juli 1812 eine Staubwolke gesehen, dies als „Napoleon kommt“ gemeldet und daraufhin wurden die Vorstädte komplett angezündet. Nur … war da keine Armee, die Staubwolke hatte natürlichen Ursprung. Riga wurde nie von Napoleons Armeen angegriffen …
Zwischen 1850 und 1900 verzehnfachte sich dann die Bevölkerung der Stadt, was sich auch in den sakralen Gebäuden zeigte. 1868 hatte Riga zehn evangelische, eine reformierte, eine anglikanische, zwei römisch-katholische und 14 griechisch-orthodoxe Kirchen (nebst zwei Klöstern) sowie eine Synagoge. Die aktuelle Synagoge besuchten wir als erstes, ein unscheinbares Gebäude in einer Seitenstraße.
Die Entwicklung Rigas wurde vom Ersten Weltkrieg jäh unterbrochen. Die Stadt lag ab September 1915 an der Frontlinie und zur Sicherstellung der Kriegswirtschaft wurden etwa 200.000 Einwohner (Arbeiter mit ihren Familien) für Rüstungszwecke nach Zentralrussland deportiert. Die russische Verwaltung ließ vor allem die Juden deportieren, da sie der Deutschfreundlichkeit bezichtigt wurden, außerdem die Deutsch-Balten. Die Niederlagen der russischen Armee in Litauen 1915 wurden den Juden angelastet, die im Hinterland der Front für die Deutschen spioniert haben sollten. Bis 1917 verließ die Hälfte der Rigenser ihre Stadt, sei es als Flüchtlinge, sei es als Deportierte.
In den ersten Septembertagen 1917 wurde die Stadt in der Schlacht um Riga vom deutschen Heer eingenommen. Die russische Armee zerstörte alles, was den Deutschen nicht in die Hände fallen sollte, die russischen Soldaten plünderten die Bürgerhäuser und schleppten mit, was sie tragen konnten. Die in die Stadt einrückenden Deutschen wurden von den verbliebenen Einwohnern bejubelt. Nach Kriegsende wurde am 18. November 1918 im heutigen Lettischen Nationaltheater noch unter deutscher Besatzung die unabhängige Republik Lettland ausgerufen, Riga war ihre Hauptstadt.
Den Kriegsjahren von 1914 bis 1920 (Erster Weltkrieg und Lettischer Unabhängigkeitskrieg) folgte eine erneute Blütezeit in der Geschichte Rigas. Riga war die Hauptstadt des unabhängigen Lettland und der Sitz der Saeima, des lettischen Parlaments. In der Stadt lebten neben der lettischen Bevölkerungsmehrheit große Minderheiten: Russen, Deutsche, Juden und andere. Schon im Dezember 1919 hatte der Lettische Volksrat den Minderheiten weitgehende Rechte gesetzlich gesichert, darunter selbstverwaltete Schulen mit Unterricht in ihren jeweiligen Sprachen.
Und dann kam der zweite Weltkrieg mit all seiner Grausamkeit. Die Sowjetunion übernahm wieder einmal die Macht in Lettland bis zum Angriff der Nazis auf die Sowjetunion. Deutsche Truppen eroberten am 29. Juni 1941 die Stadtteile links des Flusses und in den beiden folgenden Tagen die übrigen Stadtteile. Bevor sie die Stadt räumten, plünderten Soldaten der Roten Armee in Riga.
Die jüdische Bevölkerung, 1933 rund 44.000 Menschen, wurde ab Juli 1941 im Ghetto Riga interniert. Hinzu kamen deportierte Juden mit Zügen aus dem Reichsgebiet und aus dem KZ Theresienstadt im deutsch besetzten Protektorat Böhmen und Mähren. Weitere Gefangene gab es später in sogenannten Arbeits- und Erziehungslager im Land. Vernichtungslager wie Auschwitz gab es in Lettland nicht, dafür wurden vor allem Juden erschossen. Von 1941 bis 1944 zum Beispiel wurden im Wald von Biķernieki bei zahlreichen Massakern etwa 20.000 Juden, 10.000 Kriegsgefangene und 5000 Widerstandskämpfer ermordet. Vom 30. November bis zum 9. Dezember 1941 wurden im Wald von Rumbula etwa 27.500 Juden ermordet.
Sprung zum Ende des zweiten Weltkrieges und die Russen übernehmen wieder einmal (Wortlaut war: Sie befreiten Lettland!) und es begann die dunkle Zeit, an die sich fast alle Letten noch genau erinnern. Die Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild erzeugte überall Mangel, lokale Unternehmen wurden abgewirtschaftet und wer was dagegen sagte, bekam harte Strafen bis hin zur Deportation nach Sibirien.
Ermutigt durch Perestroika und Glasnost erklärte der Oberste Sowjet der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik (der sich als Saeima, als lettisches Parlament, konstituierte) 1990 die Wiederherstellung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Daraufhin ließ der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU und Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, das Parlamentsgebäude in Riga durch sowjetische Militäreinheiten besetzen. Doch erkannte die Sowjetunion am 21. August 1991 die Unabhängigkeit Lettlands an. Riga wurde erneut die Hauptstadt eines souveränen lettischen Staates. Zum 31. Dezember 1991 löste sich die Sowjetunion auf.
Und seitdem sind die Letten wieder Unabhängig, etwas, was sie lange, lange Zeit in Ihrer Geschichte nicht waren. Die Stadt wurde renoviert, aufgehübscht und Gebäude wie das Rathaus wurden neu gebaut.
Ja, das Rathaus an diesem Platz, war tatsächlich das neueste Gebäude von allen. Brutalistische Gebäude und alte Hanse-Gebäude daneben sahen nicht wirklich älter aus, waren es aber.
Unsere Tour mit Mareks führte weiter kreuz und quer durch die Stadt, er blieb immer wieder stehen und erzählte über die Geschichte, die Gebäude und viele andere Dinge Anekdoten und Fakten. Wieder eine sehr schöne Tour!
Die Stadt wachte auch langsam auf und es wurde voller. Aber noch sehr angenehm zu gehen und überhaupt nicht gedrängt, wie wir es in anderen Städten erlebt haben.
Mareks war immer gut zu erkennen mit seinem 80er Jahre Adidas-Trainingsanzug.
Über kleine Gassen, den Dom und das Schwedentor kamen wir dann zu einem Teil der alten Stadtmauer, wo man gut erkennen konnte, auf wie viel Schutt das heutige Riga gebaut wurde. Der Höhenunterschied ist tatsächlich fast 1 1/2 Meter, alles aufgrund der Geschichte Rigas.
Kleine Anekdote zum Pulverturm: Der war eine Kammer der Stadtwache, um, wie der Name schon sagt, das Pulver zu verstauen. Danach verfiel der Turm sehr und wurde dann von einer Studentenverbindung für eine festgeschriebene Miete von 1 Rubel pro Jahr gemietet. Als die Studenten den Turm ausräumten, um zu schauen, was sie alles ausbessern mussten, entdeckten sie viele Sachen aus der vergangenen Zeit. Die sie für über 300 Rubel verkaufen konnten, die Miete der nächsten 3 Jahrhunderte war also gesichert …
Ach ja, was zum Thema „Musik“ gab es auch, denn Richard Wagner hat hier gelebt. Und ist, weil er viele Schulden hatte, in der Nacht mit seiner Geliebten abgehauen.
Abschluss war dann wieder bei den Bremer Stadtmusikanten. Sehr schöne Tour, man zahlt so viel wie man will und das zahlt sich hoffentlich für die Guides aus. Für uns tat es das auf jeden Fall!
Wie gestern auch stellte sich was Hunger ein. Diesmal ging es zu einem naheliegenden Pub, weil dort … Platz war. Meike und Jan aßen einen ganz ok-en Burger, Jens wollte eigentlich Fish&Chips. Die gab es aber nicht, also wurde einfach ein Hering bestellt. Das war eine gute Wahl und für 11 Euro überraschend günstig.
Deutsche waren auch hier, keine Ahnung, ob es eine gute Idee ist, seine Aufkleber im Pissoir anzubringen. Aber immer noch besser als andere Stelle, wo diese Aufkleber sonst kleben.
Weiter ging es durch die Stadt, Ziel war noch einmal die Markthalle. Auf dem Weg entdeckten wie hier und AI-Slop, keine Ahnung, warum das mittlerweile normal ist …
Daneben eine Bar, die gerade Jens gerne ausprobiert hätte.
Beispielsweise war die ganze Theke aus Lego gebaut!
Naja, vielleicht kommen wir ja mal wieder zurück. Unser Weg führte uns dann zum Markt, wo uns erneut der Trubel, das Angebot und die generelle Stimmung faszinierte.
Was auch toll ist: Eine Brauerei aus Riga hat hier einen Stand. An dem man frisch gezapfte Biere zusammen mit dem Essen von den angrenzenden Ständen genießen kann.
Was wir dann auch taten!
Ein nettes Gespräch mit einem Paar aus Hessen, was sich an unseren Tisch dazu gesetzt hatte, rundete den Besuch bei Labietis ab.
Nachdem wir noch ein paar Erzeugnisse probiert haben, spazierten wir durch ein paar andere Hallen des Marktes und schauten, wie das Leben hier so abläuft.
Gut, dass wir gegessen hatten, denn hier bekommt man wirklich sehr schnell Hunger!
Dann schlug aber gerade bei Jens etwas Müdigkeit ein und wir beschlossen erst einmal ins Hotel bzw. den Camper zu gehen und uns später zum Abendessen wieder zu treffen. Also stellten wir uns an die Straßenbahn, um noch ein bisschen vom 3-Tages-Ticket zu nutzen.
Kurze Zeit später waren wir wieder im schön klimatisierten Hotelzimmer und ruhten uns was aus. Und ließen uns von der BBC zu anderen Zielen inspirieren … ob dort die Altstadt auch so schön wie in Riga ist?







































