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Steiereck Wien

Wie so oft in diesem Urlaub begann das Event mit einer Bahnfahrt. Wir mögen ja den öffentlichen Nahverkehr hier, denn in der Regel ist er sauber, pünktlich und fährt in einer Frequenz, die den durchschnittlichen KVB-Benutzer die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Mit der erstbesten S-Bahn ging es ein paar Stationen zum Bahnhof Wien Mitte. Welcher sehr günstig zum Wiener Stadtpark liegt.

Der Stadtpark liegt im 3. Bezirk und wurde 1860 eröffnet bzw. begonnen. Seitdem sind einige Flächen sowie einige Pavillions und andere Gebäude dazu gekommen, sodass der Park heute etwa 65.000 m² Fläche beträgt und sowohl für Wiener als auch Touristen ein beliebtes Ziel ist.

Im Park gibt es, wie gesagt, ein paar Gebäude wie zum Beispiel die 1903 erbaute Milchtrinkhalle, auch Meierei genannt. Hier befindet sich seit 2005 ein kleines Restaurant, dessen ehemalige Terrasse 2014 durch einen verspiegelten Pavillion ersetzt wurde.

Das ist das Restaurant Steiereck, hier erkochte sich Heinz Reitbauer seinen Ruf als einer der besten Köche der Welt sowie seine, seit 2010 dauerhaften, 2 Michelin Sterne.

Und wir zitieren mal von der Homepage des Restaurants: „Die Meierei ist ein Ort des Genusses und der Entspannung an einem der vielleicht schönsten Plätze der Stadt – inmitten des zentral gelegenen Stadtparkes. Frühstücken Sie entspannt am Wienfluss. Lassen Sie sich am Nachmittag von ofen-frischen Strudeln verführen. Entdecken Sie die vielfältige Welt der Käse & Weine und genießen Sie ganztägig feinste Wiener Küche.“

2018 wurde das Steiereck in der Liste „The world´s 50 best restaurants“ auf Platz 14 geführt, 2019 auf Platz 17. Also auf ins Vergnügen.

Schon beim Reservieren wurde übrigens der 22 Uhr Sperrstunde Rechnung getragen, denn Jens wurde ein paar Tage vorher angerufen und gefragt, ob wir auch schon um 17:30 Uhr kommen könnten. Konnten wir und es war auch gut so, denn das Menu dauert entsprechend lange.

Beim Betreten des Restaurants wurden wir freundlich empfangen und zu unserem Tisch in einem der Arme des Pavillions geführt, wo wir einen Tisch am Fenster bekamen. Meike durfte rausschauen, Jens hatte dafür die Versorgungslage im Blick (hinten durch war der Pass der Küche).

Und dann begann die Vorstellung. Eine der bekanntesten Features des Steiereck ist übrigens tatsächlich der Brotwagen. Dessen quasi „Inhaber“ Andreas Djordjevic gilt als eines der Erkennungszeichen des Restaurants und brachte mit seinem Wiener Schmäh gleich mal Stimmung an den Tisch.

Nicht, dass wir das angesichts der Auswahl beziehungsweise der Aussicht auf das Menu irgendwie nötig gehabt hätten.

Schön war, dass er die gefühlten 100 Brotsorten hintereinander runterratterte und Meike danach einfach nur fragte „Hat sich das eigentlich schonmal jemand alles gemerkt?“. Worauf er meinte „Nein!“.

Unsere Order war an diesem Abend etwas umfangreicher. Das lag nicht daran, dass wir nicht das Menu genommen haben, sondern an der Tatsache, dass es für jeden Gang 2 Auswahlmöglichkeiten gab. Und das haben wir maximal ausgereizt, also immer beide Varianten genommen. Bis auf eine Ausnahme, davon aber später was.

Gleich nachdem der Aperetif sich am Tisch eingefunden hatte, einem rosa Crémant d’Alsace, gab es auch die Grüße aus der Küche. Beginnend mit einem Rote Beete Macaron …

… weiter mit einer Tartlette mit Rüben, Fisch und Piniennadeln …

… einem eingelegten Rhabarber mit kleinen Tupfen drauf …

… bis zu einer kleinen Suppe mit Öl.

Leider haben wir uns vergessen Notizen zu machen, weswegen wir eigentlich nur unsere Empfindung bei diesen kleinen Kostbarkeiten mitteilen können: Wir waren sehr angetan und freuten uns nur noch um so mehr auf das folgende Menu.

Vorweg: Wir würden nicht enttäuscht werden.

Geholfen hat uns, dass (ähnlich wie in Wirsberg bei Tobias Bätz im Posthotel wo wir 2020 waren) so kleine Kärtchen vor uns aufgestellt wurden und man so gleich nachlesen konnte, was sich auf einem Teller befinden sollte.

Und schon ging es mit dem ersten Gang los, denn Jens bekam Amur Karpfen mit Pfirsich, Kohlrabi und Johanneskraut. Der Karpfen sehr schmackhaft und fest, der Sud voll im Geschmack und gut abgeschmeckt.

Meike hatte sich für die Kerbelwurzel mit Bittersalaten, Blutorange und Waldmeister entschieden. Auch sehr lecker, wobei die Salate auch schön bitter waren.

Viele Gewürze, gerade die heimischen, werden übrigens auf dem Dach der Meierei selber angebaut. Eines von vielen Beispielen, wie hier sehr intelligent große Gourmetküche mit dem lokalen, österreichischen Einschlag verbunden wird.

Dann fand sich die berühmte Ausnahme von der Regel am Tisch ein. In Form dieses Kastens mit einem rohen Saibling darin.

Jens hatte sich nämlich im Vorfeld gerade auf ein Gericht hier gefreut, wo er schon viel darüber gelesen und gesehen hatte: Der Saibling im Bienenwachs. Dazu wird eben ein Saibling roh an den Tisch gebracht und mit 84°C warmen Bienenwachs übergossen, dort 8 Minuten am Tisch unter Beobachtung durch uns „gereift“.

Und dann kommt er in die Küche, wird aus dem Wachs herausgebrochen und angerichtet. Dazu gibt es das Herz einer gelben Rübe, gedämpft und mit Bienenwachs gebeizt, quer darauf gelegt. Auf der anderen Seite befindet sich ein Succo von gelben Rüben mit sauren Rahm darunter. Auf dem Succo die Kaviar-Pollen: Saiblingskaviar, die in einem Pulver aus Rübentrester, Quittenessig, Salz und Zucker gewälzt wurden, welche vorher 48 Stunden lang getrocket wurden.

Sa-Gen-Haft! Einfach vorzüglich und ein Traumgang!

Bei Meike gab es dagegen Fenchel mit Bergamotte, Hanf, Salzfeigen und Liebstöckel – ein sehr spannendes und modernes Gericht mit einem sehr guten Sud!

„Brot-Andi“, wie er auch genannt wird, kam danach noch einmal vorbei und Jens erinnerte sich daran, dass er auch ein „Blunzn-Brot“ im Angebot hatte. Also ein Brot mit Blutwurst drin – eine Wiener Spezialität und, genau wie die übrigen Brote, sehr lecker!

Weiter geht es im Menu. Schleihe mit Rübe, Mangold und Haselnuss bei Jens sowie ein Waller mit Schwarzwurzeln, Grünkohl und Trüffel bei Meike.

Wieder sehr gut abgestimmte Aromen, sehr gute Soßen / Sude und eine spannende Komposition. Erstaunlich asiatisch irgendwie von der Aromenwelt her, allerdings immer mit einem alpinen oder österreichischen Einschlag dabei.

Wir fühlten uns hier schon sehr wohl, was neben dem Essen halt auch an den Weinen lag, die Sommelier Rene Antrag uns Gang für Gang kredenzte.  Viele Weine kamen dabei selbstverständlich aus Österreich (Kamptal, Steiermark). So auch beim nächsten Gang, wo zur Topinambur mit Rindermark und Tomaten ein Zierfandel aus Gumpoldskirchen gereicht wurde. Kam also quasi „um die Ecke“ her der Wein. Und selten dazu, denn Zierfandel oder auch Spätrot ist eine autochtone Weißweintraube, die tatsächlich nur um das südlich von Wien gelegene Gumpoldskirchen angebaut wird.

Bei Meike dagegen der von uns „Bud Spencer Gedächtnis-Gang“ getaufte Teller mit Bohnen Gulasch mit Marillen, Apfelpaprika und Malz.

Dabei gab es übrigens schon den ersten dunklen Wein, nämlich einen schön kräftigen Syrah aus Südafrika.

Zeit für den Hauptgang: Ente mit Zwetschge und Senfsaat sowie Entenherz für Jens.

Alter Falter, was für ein Fleisch! Und was für eine Soße! Dazu ein voller Blaufränkisch aus dem Burgenland und schon war Jens ruhig gestellt und genoss einfach nur noch. Nicht das es die vorherigen Gänge groß anders gewesen wäre …

Bei Meike fand sich ein Lamm mit Endivien-Salat und einer „Buddhas Hand“ genannten Zitrone auf dem Teller ein.

Hier gab es einen schönen Montalcino aus der Toskana im Glas, welcher ebenfalls sehr ergänzend zum Gericht gewählt wurde. Generell können wir sagen, dass bei der Weinbegleitung der Fokus auf die „Begleitung“ gelegt wurde. Die Weine ergänzten oder unterstützten die Gänge und setzten selten Kontrapunkte – finden wir auch gut so. Spannend waren sie aber trotzdem oft.

Für Jens wurde es danach auch weiter spannend, denn Franz stellte sich vor. Franz ist neben Andreas der zweitliebste Angestellte des Steierecks. Teils weil uns jetzt nicht so viele mit Namen vorgestellten wurden aber hauptsächlich, weil Frank den Käsewagen bediente.

Die Anweisung „Spanennde Käse aus Österreich“ wurde auch mit Begeisterung ausgeführt und so fanden von den insgesamt knapp 120 Käsesorten fassenden Auswahl diese 4 hier ihren Weg auf den Tisch.

Spannend der zweite von rechts: Ein Ziegenkäse von einer kleinen Bäuerin, die mit ihren 54 Ziegen nur kleinste Mengen, dafür aber echte High-End Käse produziert. Jens war so begeistert, dass er sich nachher noch die Adresse hat geben lassen.

Das Andreas noch eine Nase etwas vor Franz im inoffiziellen Ranking der „Wir arbeiten im Steiereck und haben einen Wagen mit Lebensmitteln“-Angestellten hatte, war der Tatsache geschuldet, dass Andreas neben dem Brot auch die 3 (!) Schnapps-Wägen verantwortete.

Kaum war Meike auf Toilette, wurde Jens sehr charmant gefragt, ob er etwas braucht, um den kurzfristigen Verlust zu verkraften. Man hätte da was …

Als Meike dann wieder zurück zum Tisch kam, gab es auch für sie den ersten Nachtisch-Gang: Geeiste Zeder mit Eisbeeren und Melisse.

Ein echt spannender Nachtisch, der wieder zeigte, was hier geboten wird und das die Auszeichnungen zu Recht an das Steiereck verliehen wurden. Und das waren nicht wenige.

Warum wir den letzten Gang nicht fotografisch festgehalten haben, wissen wir nicht mehr. Es kann daran liegen, dass wir völlig im Food-Koma lagen. Oder daran, dass Meike ihren Nachtisch zweimal bekommen hat. Beim ersten Mal ist der Dame, die das Salzkaramell auf der Götterfrucht anrichten wollte, selbiges nämlich umgekippt. Wir meinten zwar, dass uns das jetzt nicht so richtig wichtig wäre, wenn es nicht völlig zentral liegt, aber sie meinte nur „Aber mich stört das!“ und zog ab, um 30 Sekunden später mit einem perfekten Nachtisch zurück zu kommen.

Alles mit einem Lachen, einem netten Spruch und dabei super professionell.

Zum Abschluss dann noch etwas Süßes zum Kaffee und dann waren wir auch schon durch mit dem Menu. Mehr oder weniger 5 Minuten vor der Sperrstunde verließen wir dann, nicht ohne uns von den überaus freundlichen Angestellten angemessen verabschiedet zu haben, das Restaurant.

Fazit: Das Steiereck hat uns sehr überzeugt. Moderne Gourmetküche mit traditionellem Einschlag und ein paar spannenden, weil unserem Gaumen unbekannten, Zutaten. Ein bisschen merkte man am Anfang, dass die Sperrstunde schon für etwas Stress im Service sorgt, denn man muss ja um 22 Uhr alle raus haben und das ist gerade bei so einem Essen halt sehr anspruchsvoll. Dabei wurde aber immer professionell gearbeitet, niemals gedrängelt und gegen Ende (als alles quasi sicher auf 22 Uhr zusteuerte) wurde es dann auch merkbar lockerer.

Die Gäste sind hier natürlich … teilweise elitär. Einige Gäste waren uns auch relativ schnell unsympathisch, weil sie ihre Nasen schon beim Reinkommen gleich nach oben hielten und direkt mal ihre teuren Handtaschen schön sichtbar drapierten und darauf aufmerksam machten. Ist halt leider so in solchen Restaurants und daran haben wir uns ja gewöhnt. Um so spannender war, dass es auch die andere Seite gab, also Leute wie uns, die voller Freude die Gerichte mit allen Sinnen genossen und mehr oder weniger ein Dauergrinsen im Gesicht trugen. Und eben Spaß an gutem Essen haben. Und für gutes Essen ist das Steiereck einer der besten Orte, die wir bislang gefunden haben. Und zu dem wir gerne wieder zurückkehren werden.

Unserem Status als „die ohne eine teure Handtasche“ entsprechend, ging es mit der S-Bahn wieder satt und zufrieden ins Hotel. Und dort direkt ins Bettchen.

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