Nun also zum ersten Programmpunkt: Meikes Geburtstagsessen. Im Vorfeld hatten wir uns etwas schwer getan mit der Auswahl der Region, der Stadt und, als dann die Entscheidung für Mailand gefallen war, dem Restaurant. Letztendlich gaben wieder einmal der Guide Michelin, diverse Blogs und Fotos den Ausschlag dafür, dass wir uns mit unserer neuen Hauslinie 27 in Richtung Innenstadt aufmachten.
Einmal umsteigen in eine sehr überraschend vollen Linie 9 und raus an der Haltestelle Viale Piave. Von dort aus war es ein kleiner Spaziergang durch einen relativ ruhigen Stadtteil zu unserem Ziel.
Dem mit 2 Michelin Sternen dekorierten Restaurant Andrea Aprea.
Andrea Aprea, vor 48 Jahren in Neapel als Sohn einer Pizzabäckerfamilie geboren, zählt zu den kulinarischen Stars in Mailand, nicht nur seit er für das Restaurant, was wir heute besuchen wollen und das im Museum für Kunst und Archäologie (Fondazione Rovati) liegt. Und in dem er innerhalb von 13 Monaten zwei Michelin-Sterne erkochte.
Seit 2010 beglückt Aprea die Mailänder und beförderte das Hyatt-Hotel in die kulinarische Oberliga. Ungewöhnlich genug für einen italienischen Koch, ist er weit gereist – jahrelang arbeitete er in Hotels in Malaysia, Indonesien und Thailand, dazu holte er sich den Schliff der Avantgardeküche in England, etwa im „The Fat Duck“ von Heston Blumenthal. Die Küche soll aber trotz dieser Internationalität sehr traditionsbewusst sein und viele Anspielungen auf seine Heimat, die familiäre und die aktuelle, haben.
Über dem Museum gelegen, fanden wir uns eine kurze Aufzugsfahrt später im modern und sehr angenehm eingerichteten Speiseraum wieder, wo wir die ersten an den insgesamt 9 Tischen waren. Eingedeckt waren alle, wir mussten uns erst einmal wieder an die anderen Essenszeiten in Südeuropa gewöhnen. Die letzten Gäste kamen gegen 22 Uhr an und bestellten auch erst dann.
Für uns ist so ein spätes Essen nicht im Biorhythmus vorgesehen, also setzten wir uns hin, genossen, dass wir den Raum noch fotografieren konnten und bestellten das „Signature Menü“, was sich aus den Lieblingsgerichten seiner Gäste in den verschiedenen Restaurants zusammensetzt.
Dazu ein Weinpairing, da unser Wissen über italienische Weine ehrlich gesagt sehr dünn ist und wir was lernen wollen.
Direkt nach dem, immerhin war es ja Meikes Geburtstag, Sparkling Wine gab es dann die Amouse Bouche – vier kleine, sehr technische Kleinigkeiten.
Ein kaltes Bällchen mit Orange, einer kleinen Creme und – Überraschung! – einer Art Ahoi Brause Pulver. Britzelte schön im Mund.
Zwei kleine, traditionelle Teigtaschen, die größere eher an ein fluffiges Aranchini erinnernd, das andere an eine kleine Curry-Tasche. Lecker aber etwas flach.
Das nächste war mit Sicherheit nicht flach im Geschmack: Bananenbrot, Sardine, Pflaumencreme und Creme fraiche. Eine Reminiszenz von Chef Aprea an seine Kindheit und eine Erinnerung an die kindliche Freude, die einem solche Kombinationen hervorrufen können. Sehr cool!
Zuletzt, man ist nun einmal in Italien, eine Sphäre mit Olivenöl und eingelegter Orange. Zuerst dachten wir an eine Art „Toffifee“ aber die doch eher feste Teigschale war für uns etwas zu dick und dominant. Aber die Kombination aus dem Öl mit der Orange war spanennd.
Der letzte Gruß war eine moderne Interpretation „Caprese süß und salzig“. Mozzarella-Schaum in einer Zuckerkugel, Tomatengelee und Basilikum.
Das hat echt Spaß gemacht und die doch eher dickere Zuckerkugel passte überraschend gut zu dem süßen Tomatengel und dem sehr kräftigen Schaum.
Wir waren begeistert und das riss beim ersten Gang auch nicht ab, denn die hauchdünne Entenbrust, mariniert, mit einem Würfel aus zartem Langustinen-Fleisch und einer Halbkugel aus Birne, sowie kleinen Tupfen aus Apfel, Walnussöl und Liebstöckelöl war fantastisch.
Saftig, salzig, bitter, süß, Umami – alles war da. Und als wäre das nicht genug gab es auch noch was Gänseleber mit Broiche. Lecker aber eben auch irgendwie Standard.
Alles zusammen aber ein fantastischer Gang.
In der Zwischenzeit wurden es auch kleine Teig-Dinge an den Tisch gebracht: Teigstangen, kleine Teigblätter und ein Sauerteigbrot. Letzteres war sinnvoll, denn die Sauce beim Tintenfisch war super lecker.
Die Tentakeln waren in die Tube gelegt, alles war auf den Punkt gekocht und die herzhafte aber nicht zu dominante Sauce (mit überraschend wenig Krustentier-Aromen) brachte alles zusammen.
Beim nächsten Gang wurde klar, warum von einer „Getränkebegleitung“ gesprochen wurde, denn zum „Potato Amatriciana style ‚In Stagnola'“ gab es ein italienisches Pale Ale.
Sehr witzig und zu dem Kartoffelgericht wieder sehr passend. Die „Folie“ war übrigens essbar und umwickelte eine Kartoffel. Darunter ein Schaum aus Parmesan und eine dunkle Sauce aus Schweinefond und Kräutern.
Oh weh, schon wieder ein Highlight. Tatsächlich war es sehr einfach vom Prinzip her aber eben im Detail dann doch wieder nicht. Wir erinnerten uns hier beispielsweise an den Gruß im „Rode Packhus“ auf Bornholm mit „Spargel und Kartoffel“. Es muss nicht immer komplex sein, man muss nicht immer parallel 4 Wikipedia-Artikel lesen, um ein guten Gang zu verstehen.
Apropos „Sieht einfach aus, ist es aber nicht“: Risotto, Sub-Marine, also bestäubt mit Algenpulver, Garnelenpulver und Pulpo-Pulver.
Das Risotto war sehr al-dente, das Gericht eher historisch denn technisch – aber alles sehr gut.
Traditionell ging es dann weiter mit einem Tortello aus Büffel-Ricotta und einem sehr konzentrierten Ragout aus SanMarzano Tomaten.
Kräftig, tief und absolutes Soul Food.
Gleiches galt für den nächsten Gang: Steinbutt Müllerin Art (Turbot Mugnaia Style). Mit einem recht kräftigen Kraut und einer etwas zu festen Sauce dabei.
Auch wieder Soul Food, auch wieder lecker. Wir fanden es eigentlich ganz schön nach den ganzen Gängen jetzt langsam in die „nimm einen Löffel und rein damit“ Richtung zu gehen. Unsere untrainierten Gaumen können eben nur eine begrenzte Menge von Dinge schmecken.
Die Küche arbeitete in der Zwischenzeit unter Hochdruck, denn alle Tische waren belegt. An einem Tisch waren anscheinend auch berühmte oder bekannte Menschen, denn dorthin verlagerte sich die Aufmerksamkeit des Personals ab und zu. Nicht, dass wir uns zu irgendeinem Zeitpunkt unbemerkt gefühlt hatten. Hier und da standen zwar die Teller etwas länger bei uns, aber Wein und Wasser war immer da und im Zweifelsfall unterhalten wir uns ja auch einfach mal.
Zeit für den Hauptgang: Taube mit Orange und Mandel, dazu ein paar Tupfen Öl aus Löwenzahn und ein paar Löwenzahn-Blätter. Und ein paar Tropfen aus der Sauce.
Ein guter, überraschend leichter Abschluss des Menüs. Wie immer waren die Portionen gut gewählt, wir fühlten uns noch nicht pappsatt und hatten auch noch Platz für die Desserts. Mit dem Pre-Dessert hatten wir auch noch einen kleinen Show-Moment.
Wobei uns die Zitronen-Töpfe eher an diese Orangen- oder Zitroneneis-Nachtische in den China-Restaurants unserer Jugend erinnerten.
Der Nachtisch selber war eine Kombination aus Mascapone, Grana Padano Käse, Himbeeren und kleinen Chips aus Honig.
Leicht, nicht zu füllend, lecker und nicht zu süß. Wir sind ja nicht so die Fans dieser über-süßen Nachtische, aber einer dieser nordischen „Kräuter-Nachtische“ hätte hier auch einfach nicht hin gepasst.
Ach ja, der besondere Tag wurde natürlich auch gewürdigt. Jens bekam auch einen Löffel und musste nicht betteln.
Ein paar Kleinigkeiten gab es zum Abschluss dann auch noch aber ehrlich gesagt haben wir da nicht so gut aufgepasst, was es zu Essen gab.
Und wie immer hatten wir unser Büchlein vergessen. Was sich aber Jens noch merken konnte war der Pfirsich-Schnapps, den er vom Sommelier empfohlen bekommen hat. Und der ein vorzüglicher Abschluss des Abends war.
Ein Espresso später bezahlten wir die Rechnung (die anderen Tische waren teilweise noch mitten im Menü), bedankten uns beim Service und wurden noch kurz vom Sommelier durch den „Weinkeller“ geführt und unterhielten uns über seine Auswahl von Weinen für das Menü und seine Schränke. Ein paar Empfehlungen gab es dabei auch noch.
Und weil wir heute was zu feiern hatten, gab es dann ein Uber zurück zum Hotel.
Das Menü hat uns echt überzeugt: Sowohl die einzelnen Gänge waren alle sehr gut (Ausnahme der Steinbutt), die Reihenfolge war gut gewählt mit den komplexen Gerichten zu Beginn und den „Wie die Sterne-Nonna gekocht hätte“ Teil zum Ende des Menüs.
Uns hat es sehr, sehr gut gefallen und wir würden jedem empfehlen hier Essen zu gehen, wenn man Interesse an der italienischen und vor allem der modernen neapolitanischen Küche hat. Service war herausragend und die Getränke allesamt gut ausgewählt. Leider nur wenige aus Italien (zum Beispiel auch ein Assyrtiko aus Attiki im zentralen Griechenland) aber passend zum Menü. Vielleicht würden wir beim nächsten Mal zwei italienische Weine nehmen, aber das entscheiden wir, wenn wir wieder hierhin zurück kehren.


























