Gestern ist das Abendessen ja bekanntermaßen sehr spartanisch ausgefallen. Genauer gesagt: Cola, Schokolade und Chips aus dem Hotel-Automaten. Aus diesem Grund hatten wir uns spontan entschlossen heute Abend noch ein weiteres Gourmet-Restaurant Mailands auszuprobieren. So kurzfristig haben aber nicht viele Restaurants auf diesem Niveau noch einen Tisch, aber ein, zwei der insgesamt 19 mit mindestens einem Stern ausgezeichneten Restaurants hatte dann noch ein Platz für uns. Also wurde gestern Abend gebucht und nicht einmal 20 Stunden später versuchten wir mit der Linie 27 in die Stadt zu fahren.
Also … versuchten, denn an der Anzeige stand keine Abfahrtszeit mehr und die sporadisch gesehenen Ersatzbusse waren auch nicht zu sehen.
Des Rätsels Lösung kam dann in Form dieses Abschleppers um die Ecke, der den vermutlich im Wege stehenden Bus (Busse teilen sich hier den Verkehrsraum mit den Straßenbahnen) abgeschleppte.
Insofern konnten wir die bereits geöffnete Uber-App wieder wegklicken und wie inzwischen gewohnt in die Straßenbahn einsteigen. Da diese Bahn, da eine Zeit lang nix gefahren ist, relativ voll war, sind wir an der Via Corsica umgestiegen in eine Linie 12, die hier anfängt und quasi den gleichen Fahrtweg wie die 27 hat.
Und mit der ging es, ebenfalls wie schon mehrfach die letzten Tage, zum Duomo, den wir aber (noch) links liegen gelassen haben. Vielmehr spazierten wir, da wir recht früh da waren, ein wenig durch andere Querstraßen und ließen uns einfach noch einmal von der Stimmung Mailands im Sonnenlicht leiten.
Da wir noch etwas mehr Zeit als gedacht hatten, den Tisch hatten wir, auch um uns an die italienischen Essenszeiten anzupassen für 19:30 Uhr reserviert, sind wir dann doch noch ins Gewusel am Dom eingetaucht.
Sieht schon schön aus!
Mit ein paar Routen-technische Probleme bei Meike, deren GPS uns hier in den kleinen Straßen ein paar Mal an die falsche Stelle gesetzt hatte (ein Königreich für diese alten Falk-Ausklapp-Stadtpläne!), kamen wir 10 Minuten vor unserer Reservierung am Restaurant Horto an.
Der Aufzug war bedien-freundlich – viel konnte man hier nicht verkehrt machen.
Oben wurden wir gleich vom Service in Empfang genommen und zu unserem Platz auf der Terrasse geführt. Alles war heute für draußen eingedeckt, links und rechts vom Tisch trennten uns relativ dicke Beete von den jeweiligen Nachbartischen, was eine sehr smarte Lösung ist, etwas Privatsphäre zu haben.
Das Menü war relativ klar, die Weinbestellung nicht. Denn heute sollte es keine Weinbegleitung werden, sondern erst einmal etwas zum Anstoßen und dann ein oder zwei gute Flaschen. Der Herausforderung hat sich unsere Sommelier Alessandra Veronesi dann angenommen, nachdem wir erst einmal zwei schöne Gläser Schaumwein für die Amuse Bouche gewählt hatten.
Und dann ging es auch schon los, in relativ schneller Reihenfolge (fast schon zu schnell für unsere Weinbestellungen und kurze Gespräche über Region und Winzer der gewählten Getränke) kamen dann ein paar erste Happen aus der Küche.
Zum Hintergrund: Das kulinarische Konzept hier im Horto wurde von Südtiroler Norbert Niederkofler mit entwickelt, Dieser hat den Begriff der „Alpinküche“ geprägt, einem Stil, in der ausschließlich regionale Produkte verwendet werden und nicht-regionalen Zutaten wie Gänseleber, importiertem Fisch, Olivenöl und Zitrusfrüchten keinen Platz haben.
Ähnliches gilt hier, denn das Menü nennt sich „L´Ora Etica“ und beinhaltet nur Zutaten, die maximal eine Stunde von Mailand entfernt hergestellt oder angebaut werden. Olivenöl gibt es dementsprechend nicht, stattdessen wird viel mit Traubenkernölen oder anderen Varianten gearbeitet. Auch Gänseleber oder ähnliche Produkte gibt es nicht oder sie werden von kleineren Nischen-Herstellern beigesteuert.
Und dieses recht spannende Konzept ergab ein wirklich beeindruckendes und nachhaltiges (hah!) Menü. Also so Erinnerungstechnisch …
Die Grüße waren dann auch eine kleine, sehr fluffige Teigtasche (wobei es nix von einer Tasche hatte) mit einer Kräutercreme und frischen Kräutern aus den Beeten um uns herum.
Dann ein in Campari, man ist ja schließlich in Mailand, eingelegter Apfel mit Kochschinken. Sehr alkoholisch aber eine gute Idee, die quasi ein herzhafter Aperetif war. Nur eben in fester Form.
Zuletzt ein Karotten-Gazpacho mit Kräuter – super kräftig und bei dem immer noch recht warmen Wetter angenehm erfrischend.
Amuse Bouches heißt ja übersetzt „Mundfreude“ und soll den Appetit anregen. Und das hat hervorragend geklappt – wir fühlten uns sehr wohl, der Service war extrem nett und etwas lockerer als im Andrea Aprea vor 3 Tagen. Und die Umgebung so zwischen dem Dom, der Oper und dem Castelo Sforzeso … come on, da kann man echt sehr schwer keine gute Laune haben.
Gut, vielleicht das Gerüst. Aber der Blick soll bei diesem Essen ja auch eher auf die Teller gehen und davon kamen gleich auch die nächsten davon. Ein sehr leichter Teller mit Tomaten und frittierten Linsen sowie Balsamico-Zwiebeln und Basilikum. Einfach, leicht und doch sehr lecker.
Etwas dekadenter kam dann das Basilikum-Eis, gepufftes Korn und Kaviar. Ja genau, Kaviar. Denn in der Nähe von Mailand gibt es eine Störzucht in einem See und von dort bekommt das Horto fast exklusiv seinen Kaviar, der dann vor Ort veredelt wird.
Ach ja, Weintechnisch hatten wir uns für einen hervorragenden Friulano von Borgo del Tiglio entschieden. Ein Wein mit Geschichte, denn Friulano ist eine autochthone Weißweinsorte Norditaliens und eine klassische Sorte des Friauls und Venetiens. Früher hieß sich allerdings schlicht Tocai. Der Ampelograph Dalmasso schlug jedoch die Bezeichnung Tocai Friulano vor, um eine Verwechslung mit dem Tokajer zu vermeiden. Am 21. August 2006 wurde weingesetzlich verfügt, dass die Bezeichnung der Rebsorte seit dem Jahrgang 2008 nur noch Friulano lauten darf, damit die Auflagen der EU in puncto Markenschutz des Tokajer erfüllt werden.
Eine sehr, sehr gute Empfehlung und für uns die Aufforderung, uns vielleicht auch mit italienischen Weinen zu beschäftigen.
Als nächstes kam der erste Gang des Menüs und der war gleich ein Highlight: Eine in Pfirsich eingelegte Bachforelle mit einer recht scharfen Creme, einer kräftigen Sauce und dazu ein frischer, ebenfalls teilweise aus dem eigenen Garten geernteter Sommersalat, bei dem uns vor allem die Bohnen begeistert haben.
Naja, ehrlich gesagt hat uns an dem Gang alles begeistert. Die Kombination aus einem doch eher einfach aussehenden Sommersalat mit vielen Kräutern und einem Säurekick durch das Pfirsich-Gel in Kombination mit dem überraschend zarten Fisch – eine echt schöne Kombination, die bei uns keine Wünsche übrig lies.
Der Wein passte dazu ehrlich gesagt ebenfalls und hob das Gericht sogar noch etwas an.
Auf den nächsten Gang hatte sich Jens sehr gefreut und war dadurch etwas enttäuscht, denn der Aal hatte nicht die versprochenen Kräuter und war auch sonst recht fettig und mit einer sehr labberigen Haut. Von der Kombination aber, wenn man sowohl die Kräuter als auch den Aal gleichzeitig aß, eine runde Sache.
Dazu gab es, natürlich, Focaccia mit einer Tomatencreme, die uns an unsere Referenz-Tomaten-Creme (keine Ahnung, ob überhaupt jemand sonst sowas hat!) aus Piräus im Varoulko erinnerte.
Auf den nächsten Gang hatten wir uns beide gefreut, denn das klang im Menu sehr experimentell: Kleine Nudel aus Durum-Weizen, Erdbeere und Kaviar.
Von unserer Bedienung kam die Anweisung alles mit dem Löffel zu mixen und dann zu Essen. Und wie so oft: Dem Fachpersonal ist Folge zu leisten, denn sie haben sehr oft Recht.
Wieder einmal ein Beispiel wie Kaviar sinnvoll eingesetzt werden kann und nicht als „Schau mal wie teuer wir Essen gehen können!“ verschwendet wird. Mit den sehr al dente gekochten Nudeln und der kräftigen Süße der Erdbeere sowie dem Öl (leider vergessen welches das war) war das Soul Food auf sehr, sehr hohen Niveau.
Apropos „al dente“, als nächstes gab es Nudeln mit einer Käsesauce und Kalbsleber. Von letzterem sind wir ja nicht so die Fans und auch die Nudeln waren uns zu fest. Aber Nudeln selber so hinzubekommen (die Sauce klebte quasi am Teig) ist schon bewundernswert und letztendlich war auch die die Kombination aus Sauce, Leber und Pasta sehr stimmig, kräftig und eine kleine Reminiszenz an Mailand beziehungsweise Nord-Italien.
Inzwischen hatten wir auch eine wunderbare Abendstimmung und genossen das Leben. Wie es auch bei so einem Essen sein sollte, deswegen haben wir ja unsere Wette weiterhin am Laufen.
Der nächste Gang wurde von unserer Servicedame mit den Worten „findet mal selber raus, was da drin ist“ hingestellt. Challenge accepted, also wurde ein großer Schluck Wasser getrunken und die Zunge nochmal auf Hochtouren gebracht.
Witzigerweise haben wir beide das stärkste Aroma, Trüffel, nicht zuordnen können. Dafür konnte Meike einen Punktsieg mitnehmen, als sie fast sofort die kleinen Punkte als Fenchelsamen identifizieren konnte. Das nötigte den Umstehenden Respekt ab.
Ansonsten war das hier Kalbszunge, Salbai, Kirsche, Sauerrahm, Schnitttlauchöl und ein super kräftiger und sämiger Fond.
Dazu ein Cracker, den wir schon einmal im Buch des Noma gesehen und probiert haben nachzukochen. Was uns überhaupt nicht gelungen ist. Hier war es eher eine Textur-Sache, zum Geschmack hat das recht wenig beigetragen.
Die erste Weinflasche war dann auch leer, also baten wir um eine erneute Beratung zu einem Wein, den wir auch nachher noch in Ruhe zwischen Hauptgang und Dessert zu Ende trinken können. Einen, wie wir immer sagen, „Balkonwein“.
Die Wahl fiel auf einen Sangiovese (Hier „Viticulture-Erinnerungen“ einführen) aus der Emilia Romagna, eine sehr gute Wahl, denn nicht so trocken und sehr trinkfreudig, wie man so sagt.
Beim Hauptgang gab es dann zwei Varianten und natürlich probierten wir beide aus. Jens, der vor 15 Jahren noch Pilze aufgrund der Konsistenz vermieden hatte, bestellte das Sweetbread. Auf Deutsch das Kalbsbris, also der Thymus des Kalbs. „Nose to tail“ wird hier eben auch ernst genommen, alles wird verwertet. Dazu ein Halbkreis aus gerösteten und schön aromatisierten Pilzen, etwas Öl und eine schöne Sauce.
Ein Gericht, wo man einfach große Bissen nehmen konnte – wir oft heute Abend funktionieren viele Gerichte durch die Kombination der Komponenten auf dem Teller.
Meike entschied sich für den Fisch-Gang (leider auch hier vergessen, was das genau war) mit einer fruchtigen Sauce und einem kleinen Türmchen aus verschiedenen Schnitten von Zucchinis.
Sagenhaft, beide Hauptgänge. Nicht zu schwer, nicht zu komplex, nicht zu verkopft – einfach ein guter Abschluss.
Also der warmen Gerichte, denn dann folgte ja noch das Pre-Dessert sowie das Desswer selber. Ersteres kam mit Frische, Kräutern und Milchhaut daher und räumte im Mund sehr gut auf.
Ach ja, die Blicke vom Essen weg wurden auch nicht schlechter.
Dann der Nachtisch, im Gegensatz zu den vorherigen Gängen fast schon einfach. Ein Teig mit Sahne und Fruchtcreme, darauf eine weitere Teig und eine Nocke Sorbet (auch hier leider vergessen was das genau war – wir sollten mal wieder anfangen Notizen oder mindestens mal Fotos zu machen).
Zu den letzten Schlücken aus der Weinflasche kamen noch ein kleiner Cheesecake und Pralinen. Und Mücken, denn während wir uns so mit dem Restaurantleiter und der Sommelier unterhielten haben, gab es einen regelrechten Überfall. Was vom Servicepersonal mit einer schnellen „Hier, nehmt mal das Spray hier!“ gekontert wurde. Und das Spray half wirklich, leider etwas zu spät was wir am nächsten Morgen merken sollten.
Gut, wenn es schon so schön ist, dann bleiben wir noch was. Und werfen mal einen scheuen Blick in die Digestif-Karte.
Da Jens wieder zu viel mit dem Bar-Chef redete kam der gleich wieder mit einer Auswahl. Nicht 4 Flaschen so wie beispielsweise in Warschau, aber mit zwei Varianten aus der gleichen Destille.
Jens entschied sich für den komplexeren Grappa, der in einem Pinot Noir Fass gereift ist.
Und damit endete unser Besuch im Horto. Was bleibt hängen? Vergleichbar mit dem Andrea Aprea ist hier gar nix, das war ein komplett anderes Konzept, ein anderer Ansatz „Fine Dining“ umzusetzen. Der „1 Stunde“ Ansatz ist spannend und bringt seine eigenen Herausforderungen mit sich, was für uns im Menü gut umgesetzt wurde und zu neuen Kombinationen führt
„Interessant“ wird als Beschreibung für Essen ja gerne negativ gesehen, daher verwenden wir lieber das Wort „Spannend“ in Kombination mit „Lecker“, „Lehrreich“ und „Beeindruckend“. Denn am Ende waren das die Assoziationen, die uns zu dem Menü im Horto hängen bleiben werden.
Der Service, nur um das nochmal zu verstärken, war super aufmerksam, freundlich, spontan, fröhlich und, wichtig für uns, nicht auf den Mund gefallen. Auch das ist ja immer Teil des Erlebnisses und darf nicht vergessen werden!
Dann war aber Zeit für den Rückweg und im Gegensatz zum ersten Abend riefen wir kein Uber oder Taxi, sondern maximierten die Nutzung unseres 24 Stunden Tickets, gingen nochmal am Dom vorbei und stiegen dann in die Bahn zurück zum Hotel.
Un grande grazie al team Horto!









































