Nach einer sehr angenehmen Nacht (auch aufgrund der Klimaanlage, welche wir ja nicht in Köln haben und deswegen unter den 36 Grad Temperaturen sowie der tropischen Nächten der letzte Woche gelitten haben) klingelte der Wecker zu einer sehr moderaten Uhrzeit. Um 12 Uhr hatten wir bei Riga Free Tour deren „Alternative Tour“ gebucht. Die Altstadt wollten wir uns aufbewahren wenn Jan da ist.
Unser Hotel hatten wir, wie immer bei solchen Kurztrips, ohne Frühstück gebucht. Die 36 Euro pro Tag können wir uns sparen und investieren diese lieber in einem Supermarkt oder einem Kaffee. Heute brachten wir unser Geld zu Vilhelms Kuze, einem kleinen Cafe direkt neben unserem Hotel, das nach dem verstorbenen Schokoladenproduzent Wilhelm Kuze benannt ist.
Schön sozialistisch eingerichtet.
Und ein kräftigendes Frühstück mit gutem Kaffee und einem Schinken-Käse Toast bei Meike sowie einem Barguette mit – ich zitiere – viel lettischem Käse.
War aber lecker.
Da noch etwas Zeit war, spazierten wir einen Teil des Tracks von „GPS my City“ ab, die wir ja hier aufgrund der Free Tours nicht brauchen würden. Was gleich mal auffiel ist: Einige Straßen waren echt schön saniert, andere wiederum nicht. In der Mehrzahl war aber alles sehr aufgeräumt und relativ renoviert. Wie es sich für ein UNESCO Weltkulturerbe eben gehört.
Und die erste Craft Beer Bar wurde auch gleich gesichtet.
In einer kleinen Runde ging es am Schwedentor vorbei in die Innenstadt. Viel war nicht los, es war aber halt auch Donnerstag Vormittag.
Riga ist die Hauptstadt Lettlands und mit rund 590.000 Einwohnern natürlich die größte Stadt des Landes. Der Großraum Riga hat etwa 850.000 bis eine Million Einwohner, je nachdem, wen man fragt. Riga ist auch das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes und als alte Hansestadt berühmt für ihre Jugendstilbauten sowie für die großzügige Anlage und natürlich die gut erhaltene Innenstadt bzw. Altstadt.
Die Altstadt Rigas liegt am rechten Ufer des Unterlaufs der Düna (lettisch Daugava), die hier auch nach den Flussregulierungen der Neuzeit noch 500 m breit ist. Die nördlichen Vorstadtbezirke liegen bereits an der Rigaer Bucht.
Die Stadt selber existiert seit 1225 und hat eine äußerst wechselhafte Geschichte, die wir auf unseren insgesamt zwei Touren noch eindrücklicher erzählt bekommen würden. Nur so viel: Händler, Hanse, Deutsche, Finnen, Schweden, Russen, Nazis, diverse Religionen, Sowjetunion, Unabhängigkeit, Europäische Union.
Schon vor der Tour sahen wir eines der Gebäude, was in Touren wohl immer gezeigt bzw. erzählt wird: Das Katzenhaus. Leider momentan voll eingerüstet, aber immerhin kann man die namensgebenden Katzen noch sehen.
Die den meisten Einwohnern Rigas bekannte und auch Touristen erzählte Legende gibt es in mindestens zwei Versionen. Einer Version zufolge – und diese wurde auch uns erzählt – wurde dem reichen Händler, der das Gebäude in Auftrag gegeben hatte, die Mitgliedschaft in der Rigaer Händlergilde, meist nur Große Gilde genannt, verweigert. Aus Groll lies der Händler zwei Katzen mit gekrümmtem Rücken und aufgestellten Schwänzen auf den Dächern der Türme aufstellen und so platzieren, dass der … ähh … „Hinterausgang“ der Katzen in Richtung des Gildenhauses zeigte.
Nachdem der Händler dann später in die Gilde aufgenommen wurde, lies er die Katzen umdrehen.
Schöne Legende und ein Beispiele, wie wir noch an vielen Stellen in Riga die Geschichte hinter der (meist schönen) Fassade zu hören bekommen würden.
Schnapps machen die hier auch, zwei Probeflaschen hatten wir ja auf dem Hotelzimmer und daher bestand kein Bedarf an Nachschub.
Treffpunkt der Touren ist immer die Kirche St. Peter in der Innenstadt, eine 1209 erstmals erwähnte Kirche, die früher die Pfarrkirche Rigas und bis 1939 die Hauptkirche der deutschen lutherischen Gemeinde war.
An der Rückseite der Kirche war allerdings noch was interessantes, was gerade wir Deutsche fast alle kennen: Die „Brēmenes pilsētas muzikanti“ – die Bremer Stadtmusikanten.
Die Skulptur wurde 1990 als Geschenk der Stadt Bremen an die Partnerstadt Riga übergeben und aufgestellt. Sie ist eine von Christa Baumgärtel geschaffene Interpretation einer 1953 von Gerhard Marcks hergestellten und vor dem Bremer Rathaus stehenden Skulptur.
Die Skulptur stellt die Figuren des Märchens der Bremer Stadtmusikanten einen Esel, einen Hund, eine Katze und einen Hahn dar, die jeweils aufeinander stehen. Anders als beim Bremer Denkmal ist die Tierformation zwischen zwei massiven Metallbändern angeordnet. Die Lücke, durch die die Tiere schauen, stellt den sich überraschend geöffneten Eisernen Vorhang dar. Die Mimik und Haltung der Tiere zeigt, anders als beim Bremer Vorbild, die mit der Öffnung des Vorhangs und der sich damit bietenden neuen Freiheit einhergehende Überraschung und Emotionen.
Und auch sie ist Teil jeder, wirklich jeder Stadtführung weswegen man hier nie alleine war. In unserem Fall war eine große Reisegruppe Japaner da, die, sehr stereotypisch, geschätzt eine Million Fotos machten.
Mit einem freundlichen „Summimasen!“ drängelte sich der Haupt-Esel unserer Herde dazwischen.
Jetzt war es Zeit für die Tour, also machten wir uns durch die kleinen Gassen auf zum Portal der Kirche.
Wo wir gleich mal Zeugen einer Hochzeit waren. Die sowas von durch-choreografiert war … inklusive BMW und vorgeplanten Posen, Blickrichtungen und Kombinationen aus Braut, Bräutigam und Trauzeugen.
Für die nächste Hochzeit stand schon das nächste Auto bereit – scheint eine richtige Industrie hier zu sein.
Dann war aber Zeit für unsere Tour. Unser Guide Harijs stellte sich vor, organisierte noch eine andere Gruppe bei der der Guide etwas zu spät kam und begann unsere „Alternative Riga Tour“, eine Tour die explizit nicht durch die Altstadt gehen sollte, sondern die eher touristisch unbekannten Stadtteile östlich der Altstadt zeigen soll.
Harijs war ein super Guide und beeindruckender Geschichtenerzähler. Neben vielen, vielen Fakten wob er Geschichten aus seiner Vergangenheit mit ein und schaffte so eine echt schöne Atmosphäre für unseren ersten Einblick in Lettland allgemein.
Am momentan in der Renovierung befindlichen Bahnhof und dem typisch ost-europäischen Straßenbahn-Wirr-Warr vorbei ging es aus der Altstadt hinaus.
Erster richtiger Halt war der Zentralmarkt von Riga, der größte Lebensmittelmarkt Lettlands und in den 1930er Jahren der größte und modernste Markt Europas.
Schon früher befanden sich hier Marktgebäude und extra dafür wurde auch schon 1910 eine extra Bahnverbindung hierhin geschaffen.
Nach dem Ersten Weltkrieg sollten sich dann die hygienischen Bedingungen auf dem Lebensmittelmarkt tiefgreifend verbessert werden, auch weil das Gelände starke Beschädigungen erlitten hatte. 1922 wurde dann beschlossen einen Zentralmarkt zu errichten. Und um nicht von Grund auf alles neu bauen zu müssen, entstand die Idee für die Markthallen die beiden Luftschiffhallen aus dem von den Deutschen erbauten Luftschiffhafen Wainoden in Kurland zu verwenden. 1924 begannen dann die Bauarbeiten und am 2. November 1930 konnte der Lebensmittelmarkt dann den Betrieb aufnehmen.
Heute beschäftigt der Zentralmarkt 253 Angestellte und bietet eine Gesamtfläche von 72.300 m². 1997 wurde das Marktareal gemeinsam mit der Rigaer Altstadt in die UNESCO Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.
Harijs ging mit uns zuerst über das Außengelände wo wir viele Beeren und Waldfrüchte sehen konnten. Und Hunger bekamen …
Eine Besonderheit: Es gibt den „Jedermann Markt“, zu erkennen an den nicht überdachten Tischen. Hier kann jeder seine privat angebauten Dinge anbieten und verkaufen, solange es nicht gewerbsmäßig ist. Gerade viele Rentner bessern sich so ihre Rente auf.
In den Markthallen ging es dann kurz durch die Käse- und Wursthalle, wie Harijs es nannte. Dabei zeigte er uns seine „Käse-Frau“ und, wenn erstere nicht da ist, seine „Ersatz-Käse-Frau“. Er meinte dazu: „Nein, die kennen sich nicht. Es ist kompliziert …“
An guten Tagen kommen hier über 100.000 Menschen hin und nur die wenigsten sind Touristen. Der Zentralmarkt ist für die Bewohner Rigas so alltäglich wie die Straßenbahn, über 2/3 der Einwohner geht hier regelmäßig einkaufen und nicht in irgendwelche Supermärkte. Irgendwie schön …
Weiter ging es in Richtung eines großen Gebäudes nahe des Marktes.
Das Hochhaus der Akademie der Wissenschaften ist ein zwischen 1952 und 1958 im Baustil des Sozialistischen Klassizismus errichtetes, 108 Meter hohes Hochhaus in Riga. Die Sowjetunion lies solche Bauten ja in vielen der „befreiten“ Länder errichten, in Warschau hatten wir den dortigen Bau ja direkt vor unserem Hotel. Vorbild in der Gestaltung waren die Moskauer Hochhausbauten, welche als die Sieben Schwestern bezeichnet werden. Beim Bau wurden erstmals in der Sowjetunion Betonfertigteile verwendet, die mit Kunst- und Naturstein verkleidet wurden. Ursprünglich war das Gebäude als „Haus der Kolchosen“ vorgesehen und sollte unter anderem den Kolchosbauern, die vom Lande in die Stadt kamen, als Hotel dienen. Doch weil das eben eine der vielen schlechten Ideen in der Sowjetunion war, wurde es der Lettischen Akademie der Wissenschaften übergeben und 1960 eingeweiht.
Im Volksmund nennt man das Hochhaus auch „Stalins Geburtstagskuchen“. Eine Aussichtsplatform soll einen schönen Blick auf die Stadt bieten und außerdem die einzigen noch sichtbaren Symbole von Hammer und Sichel bieten, die an diesem Gebäude als einzigem nicht entfernt wurden. Hammer und Sichel sind in Lettland genauso verboten wie Nazi-Symbole. Und allgemein sind die Letten gegenüber den sozialistischen Symbolen sogar etwas kritischer eingestellt als gegenüber den der Nazis. Begründet wurde dies damit, weil die sowjetische Besatzung, die es ja effekt war, noch frischer in der Erinnerung ist.
Die Lutheranische Kirche Rigas war der nächste Halt. Insofern besonders, als das sie komplett aus Holz gebaut wurde und, wie Harijs meinte „wenn man nicht nach Japan reisen möchte, vermutlich das größte Holzgebäude, was ihr jemals zu Gesicht bekommen werdet!“. Wir haben dann man nix gesagt, Grüße an den Buddha in Nara!
Die Gegend war früher etwas rauer, in Harijs Jugend musste man schon etwas Mut haben hier Abends auszugehen. Wobei die Gefahr auch dazu geführt hat, dass hier die besten Partys stattgefunden haben müssen. Heute ist das Viertel gentrifiziert und bietet der Mittelschicht der Hauptstadt ein zentrumsnahes Wohngebiet.
Direkt neben der Kirche steht eine der wenigen Botschaften, die nicht in der Altstadt zu finden sind und zwar die von Belarus. Einem der zwei momentan sehr problematischen Nachbarn Lettlands. Oder wie es Harijs meinte „Gut, dass die hier sind, hier ist mehr Platz als in der Altstadt zum Protestieren …“
Es folgte ein kurzer Abstecher in die dunkle Vergangenheit der Besetzung Lettlands durch die Nazis: Dem Standort der ehemaligen Synagoge Rigas.
Die Große Choral-Synagoge wurde 1870/71 nach einem Entwurf des Architekten Paul Hardenack errichtet.
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 kam bis zum 8. Juli 1941 das gesamte Gebiet des zu diesem Zeitpunkt sowjetisch okkupierten Lettlands in den Machtbereich des nationalsozialistischen Deutschen Reichs. Am 4. Juli 1941, nur drei Tage nach der Einnahme Rigas durch die Wehrmacht, wurden etwa 300 zufällig anwesende Juden in das Gebäude gedrängt und die Häuser rund um die Synagoge von der Feuerwehr mit Wasser bespritzt. Und dann wurde die Synagoge in Brand gesetzt, bewaffnete SS-Soldaten erschossen jeden und jede, die sich vor den Flammen retten wollte. Ein barbarischer Beginn der Besatzung Lettlands, der erst mit der „Befreiung“ durch die Sowjetunion einem anderen Schrecken Platz machen sollte.
Da die Russen ja vor den Nazis hier waren, gibt es die makabere Geschichte, dass unter den Juden diejenigen, die von den Russen nach Sibirien ins Gulag geschickt wurden, die „Glücklichen“ waren. Denn die Überlebenschance in Sibirien war höher als die bei den Nazis.
Die Ortskommandanturen der Wehrmacht richteten noch im Spätsommer 1941 zwei Ghettos ein: in der Hauptstadt Riga mit 30.000 und in Dünaburg (Daugavpils) mit 14.000 jüdischen Häftlingen. In zwei großen Massenerschießungen Ende 1941 im Wald von Rumbula bei Riga ermordeten deutsche und lettische Sondereinheiten 25.500 Juden aus dem dortigen Ghetto. Das leergeräumte »Große Ghetto« in Riga war ab Dezember 1941 Ziel von Deportationszügen mit 25.000 deutschen, österreichischen und tschechischen Juden. Anfang 1942 fanden erneut Massenerschießungen im Wald von Bikernieki bei Riga statt, denen Tausende Juden zum Opfer fielen. Bis Kriegsende kamen 95 Prozent der jüdischen Vorkriegsbevölkerung Lettlands und etwa 120.000 nichtjüdische Zivilisten gewaltsam zu Tode.
Naja und dann kamen die Russen und es wurde anders Schlimm …
Erst seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands ist das Land und seine Bewohner wieder frei und versuchen auch hier an die Geschichte möglichst ohne den moralischen Zeigefinger zu erinnern. Hier wird dies durch dieses Memorial getan, wo nicht die Namen der Verstorbenen eingraviert sind, sondern die Namen derjenigen, die den Juden nachweislich geholfen haben.
Der Herr dessen Abbild auf dem Denkmal prangt ist Janis Lipke, ein Schauermann im Rigaer Hafen. Nachdem er im Juli 1941 Zeuge von Diskriminierungen gegen lettische Juden durch die Nationalsozialisten geworden war, entschloss er sich, als Lagerarbeiter für die damalige Luftwaffe tätig zu werden, um unter dem Deckmantel dieser Funktion Juden aus dem Rigaer Ghetto zu schmuggeln und zu verstecken. Dazu fuhr er mit seinem LKW morgens 10 Juden aus dem Ghetto zur Arbeit und tauschte auf dem Rückweg einen der Juden durch einen Freund aus und versteckte den Juden im Keller seines Hauses. Der Freund konnte dann, weil er einen lettischen Pass hatte, an einem andern Tor das Ghetto unversehrt verlassen. Auf diese Weise bewahrte er bis zum Einmarsch der Roten Armee im Oktober 1944 etwa 56 Juden vor Ermordung durch die Nazis. In Lipkes Rettungsaktion waren neben seiner Frau Johanna und seinen beiden Söhnen rund 25 Helfer involviert.
Als er 1987 starb, wurde sein Begräbnis von der jüdischen Gemeinschaft Rigas organisiert. Schon 1977 wurde er vom Staat Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Wer weiß, wie die Geschichte ausgegangen wäre, wenn nicht nur die 270 hier genannten Menschen geholfen hätten …
Nach dieser kurzen bedrückenden Passage ging es zurück in Richtung Innenstadt. Neben den Straßenbahnen gibt es hier natürlich auch O-Busse.
Die Gruppe ging hier relativ schnell vorbei, aber nicht mit Jens: Der Hauptbahnhof von Riga, gerade im vollen Umbau für das Projekt „Rail Baltica“!
Die Rail Baltica ist eine im Bau befindliche Hochgeschwindigkeits- Eisenbahnverbindung, die von Tallinn über Riga und Kaunas nach Warschau führen und das Baltikum an das europäische Bahnnetz mit Normalspur anbinden soll. Ein Anschluss nach Helsinki besteht durch Fähren, wobei zumindest langfristig ein Tunnel angedacht ist. Daran beteiligt sind die EU-Mitgliedsländer Polen, Litauen, Lettland, Estland und Finnland. Rail Baltica ist das prioritäre Projekt der Transeuropäischen Netze, seine Eröffnung in Teilen ist für 2028 angesetzt, die vollständige Inbetriebnahme soll 2030 erfolgen.
Schon heute kann man, wenn auch etwas umständlich, mit dem Zug von Warschau über Vilnius und Riga bis nach Tallinn fahren. Ein Plan, den wir übrigens auch schon einmal hatten … einmal rund um die Ostsee mit Zug und Fähre.
Hier am Bahnhof gab es dann einen kurzen Boxenstopp, da hier Toiletten zu finden waren.
Für große Teile der Gruppe war das, da das Wetter eher drückend war, eine gern genommen Möglichkeit für einen Eiskaffee. Hier unterhielten wir uns übrigens sehr nett mit einem Gast aus UK, der aktuell auf Malta lebt, und einem Dänen.
Immer wieder interessant, wen man in solchen Gruppen trifft. Italiener aus Mailand, ein paar spanische Damen und so weiter – diese Free Tours sind wirklich eine schöne Sache. Zumindest hatten wir noch kein negatives Beispiel.
Im nahen Park stehen mehrere Skulpturen lettischer Berühmtheiten. Eingeleitet wurde dieser Teil von Harijs mit der gemeinen Frage „Welchen berühmten Letten kennt ihr denn?“. Niemand hatte sofort eine Antwort außer ein paar Sportlern oder …
Die Person, von der er uns dann erzählte war Krisjanis Barons.
Krišjānis Barons (1835–1923) war ein lettischer Folklorist, Schriftsteller und Herausgeber und gilt als der „Vater der Dainas“ (Dainu tēvs), der lettischen Volkslieder. Die Letten sind, wie wir auch später noch öfters hören sollten, ein Volk der Sänger. Für jede Lebenslage und -situation gibt es mindestens ein Lied, ein Text oder ein Stück.
Bereits 1878 begann Barons, lettische Volkslieder zu sammeln und zu systematisieren. Er archivierte die Zettel, auf denen er je eine Daina notierte, in einem von ihm selbst für diesen Zweck entworfenen und von einem deutschen Schreiner in Moskau gefertigten Schrank. Dieser „Daina-Schrank“ gilt den Letten bis heute als eine Art Nationalheiligtum; 2001 nahm ihn die UNESCO in die Liste des Weltdokumentenerbes auf. 1894 erschien in Jelgava der erste Band dieser gesammelten Lieder. Bis 1915 erschienen sechs Bände (in acht Teilbänden) mit insgesamt 217.996 Dainas, davon rund 36.000 „Stammlieder“ nebst rund 182.000 Varianten.
Und dann erzählte uns unser Guide vom Liedergest, einem alle 5 Jahre stattfindenden Fest in Lettland, bei dem knapp 30.000 Sänger teilnehmen.
Bereits Jahre vor der Hauptveranstaltung wird das Repertoire vorbereitet und geprüft. Durch viele Wettbewerbe müssen sich die Chöre für das Liederfest qualifizieren; Hauptziel ist es, an der Abschlussveranstaltung auf der Freilichtbühne im Rigaer Bezirk Mežaparks. Der Schwerpunkt der Veranstaltungen liegt bei den Chören und Tanzgruppen, es nehmen aber auch Kapellen für Blasmusik, Folkloregruppen, Volksmusiker, Bildende Künstler, Amateur-Theater usw. teil – insgesamt sind es über 45.000 Teilnehmer.
Harijs zeigte uns den Abschluss ein Video vom Grand Finale des Song Festivals, den genauen Link haben wir uns nicht gemerkt. Aber eine schnelle Suche nach „Latvian folksong festival choir massive 2023“ zeigt die beeindruckenden Bilder dieser Veranstaltung und wie viel es den Letten bedeutet.
Seit dem 1. Juli 2005 ist der Schutz, die Weiterentwicklung und die Weitergabe der Liederfesttradition an künftige Generationen in einem eigenen Gesetz festgeschrieben. 2003 wurden die baltischen Liederfeste von der UNESCO als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit anerkannt und 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Wie schon bei der Anreise geschrieben: Ein echt faszinierendes Land.
Etwas profaner: Ein entfernter Verwandter vom „Mower on the Mound“ in Edinburgh fanden wir auch gleich nebenan.
Durch den überraschend einsetzenden Regen ging es etwas hastiger zum letzten bekannten Letten. Jens ehemaliger Kollege Peter, begeisterter Schachspieler, antwortete übrigens auf die Frage „Kennst Du den?“ mit einer äußerst langen Antwort.
Michail Nechemjewitsch Tal (lettisch Mihails Tals, da die Letten männlichr Namen in ihre Sprache übernehmen, indem sie ein „s“ anhängen!) wurde 1936 in Riga geboren und starb in einem Krankenhaus in Moskau in 1992. Von 1960 bis 1961 war Tals der achte Schachweltmeister, einen Titel den er im Alter von 23 Jahren erringen konnte, der bis dato jüngste Spieler mit diesem Titel. Auch als „Zauberer von Riga“ bezeichnet machte sich durch seinen taktisch geprägten und risikoreichen Spielstil einen Namen. Zeit seines Lebens machte ihm seine Gesundheit zu schaffen. Obwohl er schwer nierenkrank war, rauchte er viel und trank exzessiv, was der Grund seiner zahlreichen Leistungsschwankungen war.
Trotz seines riskanten und unbeständigen Spiels hatte er auch nach dem Verlust des Weltmeistertitels große Turniererfolge zu verbuchen: So gewann er insgesamt sechsmal die sowjetische Meisterschaft. Er blieb zwischen Oktober 1973 und Oktober 1974 in 95 aufeinanderfolgenden Partien ungeschlagen, was bis heute eine der längsten Serien im Spitzenschach darstellt. Dabei entwickelte Tal im späteren Verlauf seiner Karriere seine Spielweise in Richtung eines universelleren, solideren Stils weiter.
Nach Anekdoten opferte er gegen schwächere Gegner auch mal gerne seine Dame, um die Partie etwas interessanter zu gestalten. Und wenn er genervt war, nahm er eroberte Figure in seine verkrüppelte Hand und zeigte sie dem Gegner, um ihn so aus dem Konzept zu bringen. Er war als Kettenraucher auch dafür bekannt, dass er Turnier mit Rauchverbot absagte. Und er hat als einiger der wenigen Menschen eine positive Bilanz gegen Bobby Fischer.
Letzter Programmpunkt und das Ende dieser wirklich coolen Tour war das Freiheitsdenkmal.
1910, zum 200. Jubiläum des Unterwerfungsvertrages zwischen der Stadt Riga und die Livländische Ritterschaft 1710, welche Peter den Großen als neuen Herrscher anerkannt hatten, wurde an dieser Stelle ein Reiterstandbild dieses Zaren errichtet. Doch schon 1915, als im Ersten Weltkrieg die deutschen Truppen auf Riga vorrückten, wurde es wieder abgebaut, um es per Schiff nach Petrograd in Sicherheit zu bringen. Dort kam das Reiterstandbild nie an, da das Schiff von der Kaiserlichen Marine versenkt wurde.
An der Stelle des einstigen Zar-Peter-Denkmals, des Symbols der russischen Herrschaft über die Letten, errichtete die junge Republik Lettland von 1931 bis 1935 ihr Freiheitsdenkmal. Es ist den Soldaten gewidmet, die im Lettischen Unabhängigkeitskrieg gefallenen sind. Enthüllt wurde es am 18. November 1935, dem Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung und durch Spenden aus der lettischen Bevölikerung finanziert. Es basiert auf dem Entwurf „Leuchte wie ein Stern“ des damals sehr angesehenen Bildhauers Kārlis Zāle und wurde nach dessen genauen Vorgaben von dem Architekten Ernests Štālbergs realisiert.
Das Denkmal blieb auch während der deutschen und später der sowjetischen Besatzung Lettlands unberührt. Eine Geschichte ist, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Denkmal gesprengt werden sollte, die in Riga geborene Bildhauerin Vera Muchina, eine Schülerin von Zāle, sich aber für den Erhalt des Denkmals eingesetzt haben soll, indem sie in Moskau, als sie einen Orden verliehen bekam, meinte „Und mein Lehrer Zale meinte, wie sehr Stalin diese Status gefallen hat …“ – also nix mehr mit Sprengung. Eine andere Anekdote berichtet, dass, als das Denkmal baufällig wurde und abgetragen werden sollte, der Rigaer Bürgermeister die Straße um das Freiheitsdenkmal kurzerhand als Fußgängerzone auswies (angeblich, um Gefahren für den Straßenverkehr zu vermeiden) und somit das Monument rettete.
Und so endete die Tour, wir verabschiedeten uns von allen und gaben Harijs einen angemessenen Betrag für diese Tour. Diese Free Tours sind nämlich kostenlos und man zahlt so viel, wie einem die Tour eben wert ist. Um keinen sozialen Druck aufzubauen, ging eine Art „Kingelbeutel“ herum und man konnte reinstecken, was man für Richtig hält.
Da unsere Schrittzähler im 5-Stelligen Bereich waren, hatten wir nicht mehr viel Lust auf mehr Sightseeing. Stattdessen suchten wir in der vorbereiteten Google-Maps Liste von Jens nach irgendwas, wo wir uns was ausruhen können.
Naja und zufälligerweise war eine Craftbeer-Bar in der Nähe.
Ein Tasting war schnell geordert und so quatschten wir noch was über das heute Erlebte. Und die Biere. Und sonstwas.
Da Meike die ganze Range an Sauerbieren probieren „musste“, orderte Jens noch ein weiteres Bier. Gefolgt von noch einem, denn von Arpus gab es das „Double Dry-Hopped Hopchest“ in der normalen und der Doppel-IPA Variante.
Glücklicherweise, denn wir hatten ja noch ein Gourmet-Abendessen vor uns, waren es diese Biere hier nicht vorrätig. Die Selbstbeherrschung lies nämlich langsam nach.
Aber die zwei Flaschen Wasser, die wir parallel tranken, halfen und durch das mittlerweile wieder sonnige Wetter ging es wieder zum Hotel.
Ausruhen, frisch machen und dann ab in ein Bolt (Quasi das Uber hier, ein lettisches Unternehmen übrigens) zum kleinen, überschaubaren Abendessen in einem der besten Restaurants des Landes. So sagte man uns auf jeden Fall immer, wenn wir erwähnt haben, wo es hingeht.












































