Weil wir unser Mittagessen (diesen kleinen Vorspeisenteller) etwas zu langsam verschlungen haben, haben wir uns ein Taxi bestellt, was uns durch den überraschend starken Verkehr Iraklios in Richtung der Sehenswürdigkeit der Insel brachte: Den Palast von Knossos.
Hierfür hatten wir zum ersten Mal „Get Your Guide“ bemüht, denn ein Guide wurde recht oft erwähnt und den haben wir uns dann quasi nur für uns gegönnt. Sein Name ist Vengalis Alefantinos, er spricht sehr gut Deutsch und wartete, als wir etwas zu früh ankamen, bereits im Schatten auf uns, begrüßte uns sehr freundlich und begleitete uns die nächsten 1 3/4tel Stunden durch diese beeindruckende archäologische Fundstätte.
Der Eingang war angenehm leer, laut Vengalis ist das, gerade wenn viele Kreuzfahrtschiffe vor Ort sind, sehr, sehr anders. Für uns war es, trotz der Nachmittagshitze, sehr angenehm, denn so war es relativ ruhig, wir konnten uns alles in Ruhe anschauen und den vielen Erklärungen unseres Guide lauschen.
Denn Vengalis erzählte in der Folgezeit die Geschichte der Anlage, wie sie entdeckt und konserviert wurde und natürlich auch die ein oder andere Besonderheit. Er war, passenderweise, unser Ariadnefaden, der uns durch das Labyrinth und wieder hinaus führen sollte.
Dem Mythos nach nahm König Minos Tod seines Sohns Androgeos bei einem sportlichen Wettkampf in Attika zum Anlass, die Athener jedes neunte Jahr zu einem Tribut von sieben Jünglingen und sieben Jungfrauen zu zwingen, die dem Minotauros geopfert wurden, der hier in einem sicheren Labyrinth gefangen war. Prinz Theseus verfügte sich freiwillig unter die Geiseln, um den Minotauros zu töten. Als er nach seiner Ankunft auf Kreta Minos’ Tochter Ariadne kennenlernte, verliebten sich beide ineinander. Theseus vertraute ihr seine Absicht an, und sie versprach ihm ihre Hilfe, falls er sie heiraten und nach Athen mitnehmen würde. Als er einwilligte, schenkte sie ihm das magische Wollknäuel des Daidalos, mit dem er aus dem Labyrinth jederzeit wieder herausfand. Theseus gelang es mit Hilfe der Götter, den Minotauros zu erlegen, den er dem Poseidon opferte; zusammen mit Ariadne und seinen Mitgeiseln floh er daraufhin, von den Göttern unterstützt, nach Naxos.
Neben diesen Mythen und Sagen gibt es aber auch inzwischen relativ sichere Fakten darüber, wer hier gelebt hat und wie. Begonnen haben wir unsere Tour am Platz vor dem Palast, auf dem kulturelle und religiöse Feierlichkeiten abgehalten wurden. Vengalis stellte uns und sich immer in den Schatten und erzählte uns ein paar Dinge, unterstützt durch Bilder in seinem kleinen Hefter.
Also etwas Geschichtsunterricht, immerhin geht es hier um eine der ersten Hochkulturen der Menschheit.
Der Palast von Knossos ist neben den Palästen von Malia, Phaistos und Kato Zakros der größte minoische Palast auf Kreta. Besiedelt ist der Palast beziehungsweise der Ort schon seit dem Neolithikum, also dem 7. Jahrtausend vor Christus. Älteste Spuren der bis zu acht Meter mächtigen Siedlungsschichten stammen aus dieser Zeit. Einwanderer, vielleicht aus Kleinasien, brachten erstmals Nutztiere und -pflanzen mit in die südliche Ägäis. Ihre Siedlung existierte wohl nur wenige Jahrhunderte (200–400 Jahre). Es schließt sich eine Fundlücke an, die bis etwa 5700–5500 v. Chr. reicht.
Am Ende des 3. Jahrtausends vor Christus entwickelten sich kleinere Königreiche auf der Insel. Knossos war besonders groß, reich und prächtig, die Hänge rund um den Tempel waren damals besiedelt.
Wie fast alle Paläste Kretas wurde Knossos zwischen 1750 und 1700 v. Chr. durch ein schweres Erdbeben zerstört, jedoch bald wieder aufgebaut. Dieses Ereignis markiert in Knossos und dem übrigen Kreta das Ende der älteren und den Beginn der jüngeren Palastzeit. Auf den Fundamenten der alten Paläste wurden neue, noch aufwendigere errichtet. Knossos erfuhr seine größte Blüte und entwickelte sich zum führenden kretischen Stadtstaat, vermutlich das religiöse und politische Zentrum der Insel. Knossos verfügte damals wahrscheinlich über die größte und kampfstärkste Flotte, deren Schiffe zu den phönizischen, ägyptischen und peloponnesischen Häfen ausliefen und die Kykladen, Athen sowie den Nahen Osten ansteuerten. Knossos hatte zwei Seehäfen, einen bei Amnisos, den anderen in Iraklio. Weitere Erdbeben und Vulkanausbrüche auf dem nahen Santorin folgten, der Palast wurde allerdings davon unbeführt bis 1370 v. Chr. genutzt.
Eine Invasion der mykenischen Griechen vom Festland zu Beginn des 14. Jahrhunderts v. Chr. führte nach Ansicht mancher Archäologen – möglicherweise in Verbindung mit einem Aufstand der bereits auf der Insel ansässigen Mykener – zum vollständigen Untergang der minoischen Kultur. Einer Theorie nach hatte die Macht der Minoer durch die Zerstörung der Flotte und aller nordkretischen Häfen einen empfindlichen Schlag erlitten. Zusätzlich hätten demnach Missernten, durch Ascheablagerungen sowie eine (von der Eruption ausgelöste) mehrjährige Klimaverschlechterung bedingt, sowohl die minoische Kultur weiter geschwächt als auch die Autorität der herrschenden Schichten untergraben, was zu wachsender Instabilität und möglicherweise auch Zuwanderung mykenischer Griechen geführt habe.
Ein Feuer, das mehrere Tage gewütet haben muss und dem Holz und Öl zusätzliche Nahrung gaben, zerstörte um 1370 v. Chr. die obersten Etagen und viele der aus Kalkstein und Gipsstein hergestellten Wände des Palastes. Daraufhin wurde der Palast aufgegeben. In der protogeometrischen Zeit wurde Knossos wiederbesiedelt. Dann kamen die Römer und die minorische Hochkultur ging langsam verloren. Bis Arthur Evans kam, ein 1851 in Hertfortshire geborener, britischer Archäologe. Er gilt aus Entdecker der minoischen Kultur und hat Knossos quasi wiederentdeckt.
Begeistert von der Entdeckung Trojas durch Heinrich Schliemann und inspiriert von Theorien einer verloren gegangener bronzezeitlichen Hochkultur, reiste Evans im März 1894 nach Kreta und erkundete von Candia aus das Inselinnere, so das Ida-Gebirge, das Dikti-Gebirge und den Süden der Messara-Ebene. Er erhielt Kenntnis von über zwanzig antiken Städten und erwarb von den Einheimischen Gegenstände aus minoischer Zeit, wie Siegelsteine, Gemmen und Abdrücke kretischer Hieroglyphen. Von 1895 bis 1900 kaufte Evans ein Grundstück auf dem Hügel Kephala südlich von Candia (Iraklio), auf dem sich seiner Meinung nach die Ruinen von Knossos befanden, das schon bei Homer erwähnt wurde. Mindestens aber mal ein größeres Anwesen, denn dort hatte man bereits Fragmente von bemaltem Stuck, Keramikscherben, einen Goldring und ein Gefäß aus Steatit gefunden. Am 23. März 1900 begann Evans mit den Ausgrabungen und heuerte dazu 30, später 100 Arbeiter auf eigene Kosten an.
Und buddelte so diesen Palast aus. Dazu aber später mehr, denn was Evans damals tat, ist heute nicht ohne Kritik.
Die Hügel neben den heutigen Palast-Überbleibsel bestehen aus der Erde, die Evans damals entfernte. Um die Dimensionen des Palastes auch zukünftig sehen zu können, pflanzte er Bäume am Rande der Palastruinen.
Auf dem Weg zum Eingang in den Palast konnte man Überreste des ersten Palastes sehen.
Es waren echt wenige Besucher da und so trauten sich auch die hier lebenden Pfauen raus.
Einmal um die Ecke herum und schon konnte man sehen, wie groß der Palast einmal war. Tatsächlich weiß man heute, dass er als Gebäudeensemble mit bis zu fünf Stockwerken mit einer umbauten Fläche von 21.000m² auf einer lichten Fläche von 2,2 Hektar entstand. 800 Räume sind nachweisbar, doch dürfte der Palast insgesamt bis zu 1300 besessen haben. Der Palast war zu keinem Zeitpunkt befestigt. Er ist, wie alle Palastanlagen der Minoer, um einen rechteckigen Zentralhof errichtet. Aus vier Richtungen kommen verwinkelte, vergleichsweise schmale Gänge, reich dekorierte Korridore, bemalte Säle, aufwendig gestaltete Treppenhäuser und säulenumstandene Galerien auf diesen Hof zu. Die Anlage war Verwaltungszentrum und enthielt zahlreiche Werkstätten.
Diese Räume und Korridore sind in einer verwirrenden Anordnung aneinandergefügt. Es gibt Türen und Durchgänge, Treppen und Rampen. Einige Räume sind durch Polythyra verbunden, Innenwände, die als Reihen deckenhoher, doppelflügeliger Türen zwischen Pfeilern ausgeführt waren. Waren sie geschlossen, waren die Räume abgetrennt, wurde eine Tür geöffnet, ergab sich ein Durchgang, wurden alle Türen geöffnet, waren die Räume verbunden. Es gab auch Werkstätten und Magazine, bis zu 400 teilweise mannshohe Pithoi voll Wein, Olivenöl, Getreide oder Honig mit einem Fassungsvermögen von etwa 78.000 Litern.
Zu den aufregendsten Entdeckungen von Arthur Evans zählen die farbigen Fresken. Die Damenkleidung bevorzugte Puffärmel, schlanke Taillen und schmale Röcke. Die blaue Farbe der Kleidung weist auf Seehandel mit den Phöniziern hin. Die Fresken stellen Sportwettbewerbe wahrscheinlich ritueller Bedeutung dar, in denen Jünglinge und Mädchen akrobatisch den Stiersprung ausüben.
Oder wie Vangelis es meinte: „Die Männer damals, sehr modern! Die Frauen damals, auch modern! Schauen Sie bitte hier!“
Recht hatte er! Das spitze Gefäß wurde übrigens verwendet, um beispielsweise Öl auf dem Feld zu verteilen, damit die Götter eine gute Ernte gewähren.
Gruß an Jens Latein und Geschichtslehrerin Frau Döhl: Ja, das sind Säulen. Ob dorische, ionische oder sonstige … habe ich vergessen … sorry! 😉
Neben den eigentlichen Ausgrabungen gab es auch immer wieder Gefäße, wo man sich vor Augen führen muss, dass die eben mal so schlanke 4000 Jahre alt sind.
Über eine fast schon DIN-genormte Treppe ging es in den Tempel und in Richtung des Innenhofes.
Hier ein Blick in die auf Bodenhöhe liegende Vorratskammern (bewusst ohne Fenster nach Außen, aber durch ein schlaues System an Öffnungen durch den Wind gekühlt. In den Löchern wurden tropfende Flüssigkeiten wie Öle aufgefangen und wiederverwendet wurden.
Was man aber auch sehen konnte sind die Brandspuren des großen Feuers, was 1370 vor Christus große Teile zerstört hat.
Hier ein Beispiel für „Kritik an Mister Evans“, wie Vengalis es immer sagte. Um zu konservieren hatte er viele Dinge mit Beton, damals der Baustoff der Zukunft, versiegelt, was man heute so nicht mehr machen würde und was auch einiges kaputt gemacht hat. Wenn man nur alles immer vorher wissen würde …
Hier nun der Innenhof, auf dem übrigens auch sportliche Ereignisse und Wettkämpfe ausgetragen wurden. So gibt es beispielsweise Fresken, die zeigen, dass hier Stiersprünge ausgetragen wurden, wo Frauen und Männer über Stiere springen mussten. Direkt daneben mit einer heute nicht benötigten Warteschlange: Der Thronsaal!
Normalerweise steht man hier recht lange an. Heute dagegen: Kein Problem.
Der ältestes erhaltene Thron Europas.
An den Seitenwänden des Vorraums sind steinerne Bänke aufgestellt. Eine kostbare Porphyrschale steht im Zentrum des Vorraums. Sie diente wahrscheinlich rituellen Waschungen. Andere Interpretationen deuten dies als Aquarium.
Schon beeindruckend dies mal alles zu sehen. Direkt neben dem Platz konnte man sehen, wie hoch hier damals schon gebaut wurde, denn die Anlage hatte wie gesagt 5 Stockwerke.
Nächstes Highlight war der Raum der Königin, wo noch mehrere Fresken erhalten waren. Die Türen führten zum Bad und zur Toilette der Königin. Zu einer Zeit, wo man sonstwo in Europa noch ehrlicherweise einfach … sanitäre Einrichtungen anders gebaut hat.
An einer Stelle konnte man sehen, wie Evans damals die ursprüngliche Form mittels Beton konservieren wollte. Man kann sich gar nicht so richtig vorstellen wie es damals hier ausgesehen haben muss.
Nebenan Gefäße, die von 12 Männern getragen werden mussten. Nochmals: Vor 4000 Jahren!
Das berühmteste Fresko kam dann danach.
Der Stier nimmt in der minoischen Religion eine Sonderstellung ein: Anfangs wurde er vielleicht als heiliges Tier verehrt, doch seine Unberechenbarkeit machte ihn zu einem feindlichen Dämon und damit zum Opfertier. Die minoischen Stierspiele, bei denen Jünglinge und Mädchen kultisch über einen Stier springen und ihn damit „überwinden“, könnten in dieser Auffassung wurzeln.
Das überdimensionale Kulthorn, das sich, wahrscheinlich als Kultsymbol, oft an den Begrenzungen von Treppen und Terrassen des Palastes findet, ist einem Stierhorn nachempfunden.
Vengalis stellte auch hier seine Fähigkeiten als Fotograph unter Beweis.
Ach ja, zu der Toilette: Die war an ein verdeckten Kanal angeschlossen. Denn nach Ansicht von Archäologen hatte die Stadt im 16. Jahrhundert v. Chr. zwischen 10.000 und 100.000 Einwohner, wobei die Wohnräume des Königs und der Königin mit Warmwasserheizung, Badezimmer mit Sitzbadewannen und Klosetts mit Wasserspülung ausgestattet waren. Und das Wasser wurde durch solche Kanäle abgeleitet. Der Regen wurde auf dem Palastgelände übrigens auch durch sorgfältig verlegte, konisch geformte Röhren aus Terrakotta und abgedeckelte, steinerne Rinnen aufgefangen, die Zisternen waren vergleichsweise klein.
Letzter Programmpunkt waren die am nordwestlichen Rand der Palastanlage liegenden aufeinanderstoßende Treppenanlage, wie sie auch in Phaistos zu finden ist. Sie schließt einen von Westen herankommenden Prozessionsweg ab und wird als Theater für etwa 500 Menschen gedeutet.
Hier endete unsere Tour indem Vangelis uns über die Verbindungen zum Hafen und zu den anderen Tempeln hinwies.
Diese Straße führte zu einem anderen Palast. Wie gesagt: Vor 4000 Jahren wurde das gebaut und sieht noch stabiler aus als so manche Landstraße in Deutschland heute …
Vengalis beendete die Tour hier mit den Worten „Vergessen Sie nicht, sie brauchen einen Faden, um hier wieder heraus zu kommen. Ich war heute ihr Faden, bin jetzt aber weg. Der Ausgang ist da, wenn Sie über Nacht bleiben, brauchen Sie ein neues Ticket!“
Die Tour war sehr, sehr, sehr gut – viele Infos von denen wir uns natürlich wieder viel zu wenig gemerkt haben und durch Wikipedia und andere Quellen ergänzen mussten. Alles sehr locker, gut erzählt.
Jetzt waren wir wieder auf uns selber gestellt, spazierten noch ein bisschen herum, gingen auf die Toilette und dann zum Bus. Die anderen Locals interessierte das hier wenig, für uns ein echtes kulturelles Highlight.
Exit through the gift shop … Jens versuchte hier was Wasser zu kaufen, der Preis von 3,50 Euro für eine kleine Flasche war allerdings so frech, dass wir lieber am ersten Kiosk in der Stadt zuschlagen würden, wo ein halber Liter 50 Cents kostet. Und Haribo brauchen wir auch nicht, danke. (Wer kauft sowas bei so einem Palast?)
Ab zurück in die Stadt! Und Danke nochmal an Vengalis Alefantinos für diese super schöne und lehrreiche Tour!

































