Nachdem wir gestern Wein einfach so getrunken haben, wollten wir es heute unter professioneller Anleitung tun. Kreta hat nämlich, neben der ganzen anderen historischen Dingen auch viel zum Thema „Wein“ zu bieten, denn es ist nicht nur die größte griechische Insel, sondern auch eine der ältesten Weinregionen der Welt. Archäologische Funde belegen, dass die Minoer bereits vor 4000 Jahren Wein kultivierten und handelten. Fresken im Palast von Knossos zeigen Weintrauben und Trinkszenen, und antike Kelteranlagen wurden im gesamten minoischen Reich gefunden.
In der Antike war kretischer Wein im gesamten Mittelmeerraum begehrt. Die Römer schätzten besonders die süßen Weine der Insel. Im Mittelalter kontrollierten die Venezianer den Weinhandel und exportierten kretische Malvasier-Weine nach ganz Europa – der Name „Malvasia di Candia“ (Candia war der venezianische Name für Heraklion) erinnert noch heute daran.
Nach Jahrhunderten osmanischer Herrschaft und der anschließenden Fokussierung auf Massenproduktion begann in den 1980er Jahren eine Qualitätsrevolution. Junge, ausgebildete Winzer kehrten auf die Familiengüter zurück, investierten in moderne Kellertechnik und konzentrierten sich auf autochthone Rebsorten. Durch einzelne Pioniere wurden fast ausgestorbene Sorten vor dem Vergessen gerettet und heute zählt Kreta zu den spannendsten Weinregionen Griechenlands – eine gelungene Balance zwischen uralter Tradition und zeitgemäßer Weinbereitung.
Das wollten wir mit einem Experten anschauen und so stand um 9 Uhr früh ein sehr fröhlicher Belgier, Pierre, vor unserer Tür. Pierre hat in Liege studiert, viele Jahre in der Gastronomie gearbeitet und wirkt nun seit 20 Jahren mehr oder weniger als Weinguide auf Kreta. Neben seinen anderen Projekten wie eine Bar in Belgien, Wein-Export und andere Dinge.
Pierre informierte uns dann, dass dies eine private Tour werden würde, denn nur wir hätten gebucht. Fein für uns, so hatten wir ihn quasi für uns alleine. Und vorneweg: Es war wieder einmal eine klasse Tour!
In einem kleinen Bus ging es in Richtung Iraklio und dann weiter nach Süden in die Weinregion. Kreta erstreckt sich, wie schon erwähnt, über 260 Kilometer von West nach Ost und wird von drei Gebirgsketten durchzogen, die die Insel in Nord- und Südregionen teilen. Diese geografische Barriere ist weinbaulich entscheidend: Der Norden wird vor den heißen Südwinden aus der Sahara geschützt und gleichzeitig von kühlen Nordwinden vom Meer gekühlt. Hier konzentrieren sich 90% der kretischen Weinproduktion.
Das Klima reicht von trocken-heiß an der Küste bis zu feucht-alpin in höheren Lagen (bis 900 Meter über dem Meer). Die Sommer sind sonnig und trocken mit wenig Niederschlag, während die Winter mild und regenreich sind. Diese Kombination sorgt für eine natürliche Bewässerung und gesunde Trauben mit geringem Krankheitsdruck.
Die Region Heraklion ist quasi das Herzstück der kretischen Weinrenaissance – rund 50 moderne Weingüter sind hier ansässig und produzieren die renommiertesten Weine der Insel. Kreta besitzt vier geschützte Herkunftsbezeichnungen (PDO):
- PDO Peza, die größte und bekannteste Appellation rund um Heraklion mit trockenen Weißweine aus Vilana, Rotweine aus Kotsifali-Mandilari. Höhenlagen zwischen 300-700 Meter sorgen hier für frische und elegante Weine.
- PDO Archanes, südlich von Iralkio gelegen, die bekannt für kraftvolle Rotweine aus Kotsifali-Mandilari ist. Höhere Lagen (bis 900 Meter) und kühleres Klima ergeben strukturierte, alterungsfähige Weine
- PDO Dafnes, spezialisiert auf süße Likörweine aus Liatiko. Kleine Appellation mit großer Tradition in der Produktion von Vino Santo-artigen Dessertweinen.
- PDO Sitia im Osten der Insel, berühmt für trockene und süße Liatiko-Weine. Das Kloster Toplou ist der bekannteste Produzent dieser Region.
Knapp 30 Minuten später waren wir bestens über die Region, die Trauben und die Geschichte, wie der Weinbau sich gerade in den letzten Jahren entwickelt hat, informiert. Und sahen aus dem Fenster die ersten Weinreben.
Man spricht oft von den 11 Rebsorten auf Kreta, die hier angebaut werden. Dies sind folgende:
- Vidiano, eine weiße Rebsorte, die auf Kreta wiederentdeckt wurde und die aromatische Weine mit Noten von Pfirsich, Aprikose und weißen Blüten hervor bringt
- Vilana, die häufigste weiße Sorte Kretas, traditionell und vielseitig einsetzbar und zarte Zitrus- und grüner-Apfel-Aromen sowie eine feine Kräuternote im Wein erzeugend
- Assyrtiko, die ursprünglich von Santorin kommt wird auf Kreta ebenfalls verbreitet angebaut und zeichnet sich durch hohe Säure, klare Zitrusaromen und eine mineralische, salzige Note aus
- Thrapsathiri, eine weiße, alte kretische Sorte mit feinen Aromen, die etwas weicher ist und moderate Säure besitzt – meist assiziiert mit Noten von tropischen Früchten, Zitrus und Honig
- Romeiko (auch Roméiko), eine rote autochthone Sorte, verbreitet vor allem in Heraklion und Lassithi die oft leicht würzige, fruchtige Weine mit roten Beeren, Kirsche und manchmal Kräuteranklängen sowie weichere Tannine und mittlerer Körper bringt
- Kotsifali, ebenfalls eine Rote Kreta-Sorte, die häufig in Cuvées verwendet wird und moderate Tannine und Frische in die Weine bringt
- Mandilaria, noch eine rote, sehr robuste Sorte und ebenfalls traditionell in Mischungen genutzt mit einer dunkleren Farbe, kräftige Tannine und Noten von dunklen Beeren und Gewürzen
- Liatiko, auch eine alte rote Sorte, historisch wichtig für kretische Weine, zeichnet sich durch reife rote Früchte, getrocknete Tomaten- und Kräuternoten sowie oft ein würziges Bouquet aus
- Mavrotragano, wieder eine rote Sorte mit kräftigem Körper und dunkler Frucht, die im Wein Aromen von Brombeere, Pflaume und feinen Gewürznoten bringt. Diese Trauben werden zunehmend neu angebaut und für qualitativ hochwertige, alternsbereite Weine geschätzt
- Malvasia, eine Weiß- bis roséartige Sorte, die historisch für süße und halbtrockene Weine genutzt wird und sehr breit eingesetzt wird, von Süßweinen bis hin zu Sommerweinen
- Plyto ist wieder eine weiße Rebsorte von den Kykladen (hauptsächlich Milos) und ist auch auf Kreta vereinzelt anzutreffen mit ihrer frischen, blumigen Note
Soviel zur Theorie: Erster Halt war eine der jüngsten Weingüter Kretas: Garakis in der PDO Peza im Dorf Kounavoi.
Wir wurden dort sehr herzlich von der Mutter der beiden Winzer in Empfang genommen. Und von ihrem Hund Christina!
Die alt war aber dennoch überall dabei sein musste (nicht optional!) und dies auch einforderte. Genau so wie ein paar Streicheleinheiten.
Gerakis als Weingut gibt es seit knapp über 20 Jahren, wobei man die ersten Weine in 2021 produzierte und die gleich ganz gut verkauft werden konnten. In 2023 gab es dann drei weitere Abfüllungen mit anderen Trauben und Lagen, momentan produziert man etwa 8.000 Flaschen pro Jahr. Also nix im Vergleich zu anderen Weingütern, die wir in den letzten Jahren besucht haben. Eher also etwas, was man als Boutique Winery bezeichnen würde.
Die beiden Brüder, die heute das Weingut führen, arbeiteten zwischen den Reben und so oblag es ihrer Mutter uns das Weingut zu zeigen. Unter der strengen Beobachtung des zweiten Hundes, der normalerweise ebenfalls in den Reben bei den Jungs (O-Ton der Mutter) zu finden ist.
Ein Relikt aus vergangenen Zeiten: Der Motor-Esel, wie er in Griechenland genannt wurde.
So schlenderten wir über das Weingut und schauten uns alles an. Natürlich alles sehr klein aber doch modern. Wir sind gespannt wo die Reise von Gerakis hin geht, Potential ist da. Wachsen möchte man aber langsam, so wie es oft in Griechenland ist.
Einer der neueren Weine Pet Nat Billy mit seiner Namensgeberin. Die kurz empört war, weil Pierre ihren Vormittagsschlaf unterbrochen hat.
Für uns ging es dann ans Probieren – wir bekamen die ganze Range zu kosten. Pierre auch, er spuckte aber natürlich alles in den entsprechenden Spucknapf.
Wir nicht und die Weine wussten schon zu überzeugen. Am meisten blieb ein Muskat hängen, 100% Muscat, 15 Tage fermentiert und dann 6 Monate im Fass gereift.
Ach ja, natürlich dachten hier wieder alle wir würden verhungern und es gab eine kleine Auswahl als Wurst, Käse und frischem Gemüse. Und zum Abschluss natürlich ein Raki, wobei sie hier einen besonderen Raki haben, der in einem Holzfass gereift wurde und so Whisky-ähnliche Noten vom Holz aufgenommen hat. Sehr lecker und um 11 Uhr sehr gefährlich, gerade wenn man in Urlaubsstimmung ist.
Weil sie die Artischocke gerade gesehen hat, hat die Dame des Hauses kurzerhand diese geerntet und mit etwas Zitrone und Salz zubereitet. Und so saßen wir vor der Halle im Schatten, tranken Raki und quatschten. Gut, nach der Artischocke schmeckte man recht wenig und musste viel mit Wasser die Synapsen wieder frei spülen, aber es war einfach nur schön und voll lieb, so spontan noch etwas mehr zu geben.
Schon schön hier und wir würden uns freuen, wenn hier der Erfolg weiter Einzug erhält und dabei das Flair erhalten bleibt.
Eine kurze Fahrt weiter dann der nächste Stop: Eine der ältesten Weingüter der Insel, Stilianou, wo seit 1922 Wein produziert wird.
Hier durften wir mit Pierre auch wieder in den Produktionsbereich, wo momentan (Anfang Mai) natürlich noch nicht viel los ist.
Im angenehm kühlen Keller dagegen war es noch etwas interessanter, denn hier lagen noch ein paar Reste vom letzten Jahr.
Auszeichnungen hat es hier auch gegeben, wir wollten uns aber lieber selber überzeugen.
Und so wurden wir an den besten Platz auf der Terrasse gesetzt und vom Junior-Chef mit 5 Weinen versorgt.
Auch hier gab es dazu wieder Käse und Gemüse, wobei es hier sogar ein paar Kombinations-Vorschläge gab. Auch gibt es hier Orange Weine, die uns ja normalerweise nicht so gefallen. Leider auch hier, ist halt einfach nicht unser Geschmack. Dafür gab es hier einen sortenreinen Kotsifali, dem wie Pierre ihn nannte „Bad Boy unter den Trauben“. Auch der Theon GI, eine Mischung aus Kotsifali und Mantilari, gefiel uns sehr.
Weiter in den nächsten Ort … oh, Gegenverkehr. Und während in UK die „Passing Points“ ja omnipräsent sind, ist das auf Griechischen Dorfwegen jetzt nicht so bekannt. Witziges Gespräch dann zwischen den beiden älteren Touristen und Pierre, denn sie fragte „Do you speak Englisch?“ was Pierre mit „Yes, how can I help you?“ beantwortete. Etwa 30 Sekunden später bemerkten alle, dass sie Französisch sprechen können (das Paar kam aus Frankreich), was dann in eine Art Beratungsgespräch wo man noch alles hinfahren könnte mündete. Und in eine „Wie manövriere ich den Mietwagen soweit zur Seite, dass der andere vorbei kommt?“ Aktion, wo wir Angst hatten, dass die beiden alten Herrschaften gleich im Graben enden.
Aber hat alles geklappt und so ging es weiter in den kleinen Ort Archanes, 5.500 Einwohner und miten im Herzen dieses Anbaugebietes.
Hier mitten auf dem wirklich wunderschönen Marktplatz war für uns ein Tisch reserviert für das Mittagessen. Inmitten anderer Touristen und Einheimischer.
Der Clou: Das Restaurant ist auch ein Shop mit Fokus auf lokale Produkte.
Pierre führte dann ein spontanes Olivenöl-Tasting durch. Beziehungsweise beriet sich mit George, dem Inhaber, und suchte dann die 2-3 besten (und teuersten) Öle aus. Sehr cool und spontan.
Zum Essen ging es dann zu einem reservierten Tisch in der Mitte des Platzes. Um uns herum waren noch andere Restaurants und Cafes. In einem von diesen platzierte sich dann eine dieser Reisegruppen von einem Kreuzfahrtschiff und, typisch deutsch, es wurde Bier bestellt. Jedem das Seine.
Wir dagegen wurden von George gefragt was wir an Getränken haben wollen und als Pierre meinte, dass wir ein bisschen Ahnung haben, wurde dies als Herausforderung aufgefasst und es wurden ein paar wirklich gute Tropfen aufgetischt. Nichts schweres, denn das macht Mittags und vor allem zu diesem Essen keinen Sinn, sondern wirklich gute und trinkbare Weine.
Zu Essen gab es auch: Lauwarme Bohnen / Fava und Archanes, ein Salat mit Ruccola, getrockneten Tomaten, Pinienkerne, Birne (!) und Graviera (!) einen lokalen Käse.
Köstlich!
Dann „musste“ natürlich noch etwas besonderes sein: Ein „endlich mal trinkbarer“ Retsina!
War auch tatsächlich lecker, aber nicht unser Favourit.
Ach ja, dann gab es natürlich auch noch mehr zu Essen: Mit die besten Dolmadas die wir bislang gegessen haben, gegrillter Talagani (eine Art Halloumi) mit Aubergine und kleine Küchlein mit Gemüse. Dazu Tzaziki und eine leichte Majo.
Und als Hauptgang dann Lamm mit Reis, Feige, Käse und Pistazien.
Weil wir noch nicht geplatzt waren (Monty Python? A tiny little mint?) gab es noch was Süßes, wobei tatsächlich die Limonen Tarte angenehm frisch und sauer war und das Sfakani nicht zu süß.
Wie gesagt. George hatte es anscheinend als Herausforderung gesehen uns die Bandbreite der kretischein Weine zu demonstrieren und das hat er auch gut geschafft. Vom Vilana des Weingutes Moinoterra gleich um die Ecke über den Liatiko Grande Reserve von Douloufakis bis zum Nachtisch-Begleiter, dem Noßa von Leovates war das schon beeindruckend und qualitativ sehens- und vor allem schmeckenswert.
Unsere subjektiven Highlights waren, aber das kann auch an dem Umgebung und dem Wetter liegen, die beiden ersten: Der Vilana und der Moschato Spinas von Moinoterra.
Nachdem wir noch Kontaktdaten ausgetauscht haben und uns vor allem von der Köchin, Georges Mutter, verabschiedet haben ging es mit dem Auto zurück zum Hotel. Satt und zufrieden, wie wir es in der Regel nach Weintouren ja immer sind. Und sehr viel schlauer, was den Weinanbau auf Kreta angeht.
Die Kreuzfahrt-Riesen lassen wir links, beziehungsweise rechts liegen und wir waren auch froh, eine quasi private Tour gehabt zu haben, denn die Gespräche mit Pierre gingen so nicht nur über Wein, sondern über seine Besuche in Köln, die Barkultur in Belgien, seine Erlebnisse als Koch und Guide, Pläne und Ideen auf allen Seiten und, wie man so schön sagt, über Gott und die Welt.
Eine wirklich empfehlenswerte Tour


































