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Noch etwas alte und neue Eisenbahn

Ein diesiger Samstag-Morgen in Warschau begann mit dem üblichen Blick aus dem Fenster. Nur heute waren die Spitzen der Hochhäuser in Nebel gehüllt.

Durch die verschiedenen Getränke gestern war der Start heute etwas verzögert. Um es mal nett auszudrücken …

Selbst der Butter-Automat war schon eine Herausforderung für uns. Und eigentlich hätten wir als Gold-Status-Kunden von Accor einen eigenen Bereich zum Frühstücken gehabt, das haben wir aber erst nach dem Frühstück gerafft.

Gut, heute würden wir es also langsamer angehen müssen. Und was ist da besser geeignet als … Eisenbahn! Denn das Eisenbahnmuseum von Warschau ist ein paar Tram-Stationen entfernt und da fuhren wir dann auch hin.

Das Museum ist in beziehungsweise neben dem zeitweise stillgelegten Bahnhof Warszawa Główna untergebracht. Dieser ist durch den Innenstadttunnel mehr oder weniger nicht mehr in Nutzung, wird aber dennoch ab und zu von Zügen angefahren. Beispielsweise wenn im Tunnel etwas passiert oder repariert werden muss.

Das Museum wurde 1931 auf einer Fläche von 900 Quadratmetern neben dem damals noch aktiven Kopfbahnhof eröffnet. Zunächst bestand die Sammlung nur aus Modellen, Eisenbahn-Kleinteilen, Fotos und Literatur. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Exponate zunächst nach Pilawa, später nach Bytom verlegt. 1972 konnte das Museum an seinen jetzigen Standort einziehen.

Heute gehört das Museum der Stadt Warschau und wurde 2009 grundlegend renoviert. Seit März 2016 ist es wieder geöffnet und die ausgestellten Lokomotiven wurden auf Gleise nahe dem Museum umgesetzt. Pläne für eine Verlegung in den weiter westlich gelegenen Stadtteil Odolany wurden 2018 aufgegeben. Die übrige Anlage wird kaum erhalten. Das Gleisvorfeld ist verwildert. Die weitere Nutzung des wertvollen Geländes in Innenstadtnähe ist unklar. Investoren wollen hier Handels- und Bürogebäude errichten.

Der aufkommende Regen lies uns dann auch schnell in das Gebäude flüchten, was schwieriger als gedacht war, da der Eingang für uns nur schwer zu finden war.

Im Museum, wo anfangs nur wir und ein Vater mit seinem Sohn waren und wo uns ein junger Herr etwas folgte und hier und da etwas erklärte, schauten wir uns die Modelle an.

Von denen es einige gab, leider nur wenige mit englischen Info-Tafeln.

Eine Sonderausstellung zum Thema „Reisen in der Belle Epoche“ gab es auch.

Über die Preise an der Bar hüllen wir den Mantel des Schweigens …

Dann ging es für uns nach draußen, wo historische Lokomotiven auf den noch vorhandenen Schienen des ehemaligen Bahnhofs gezeigt werden. Aufgrund der wechselhaften Geschichte Polens finden sich hier viele Fahrzeuge aus deutscher Produktion.

Zu den wichtigsten Ausstellungsstücken gehören ein Wehrmachts-Panzerzug (bestehend aus einem Panzer-Triebwagen 16/WR 550 D 14 und einem Gefechtswagen) von 1943 und der Salonwagen des ehemaligen polnischen Staatspräsidenten und ZK-Generalsekretärs Bolesław Bierut.

Weltweite Einzelstücke sind unter anderem die Borsig-Stromlinienlokomotive der DR-Baureihe 03.10 aus dem Jahr 1940, die 1905 bei BMAG gebaute und 1967 in Polen ausgemusterte Schlepptender-Personenzuglokomotive der Bauart Preußische P 6 und die 1923 von Linke Hofmann Lauchhammer gebaute Güterzuglokomotive der Bauart Preußische G 8.2.

Begonnen haben wir aber mit diesem Schneeräumer.

Dann aber eines der Highlights: Die 03 1015 (als PKP Pm3-3), eine Maschine von 177 Tonnen Gewicht (inklusive vollem Tender) und mit 150 km/h eine der schnellsten Dampflokomotiven der Welt.

Leider, wie so vieles hier, nicht mehr betriebsfähig.

Etwas besser in Schuss, aber eben auch nicht so alt, diese ST44-01 der PKP, eine in Lugansk gefertigte schwere Güterzuglokomotive. 115 Tonnen schwer, Höchstgeschwindigkeit 100 km/h. Dafür konnte diese in der DDR unter der V200 bekannten Loks sehr lange Güterzüge bewegen und verrichteten im ganzen Ostblock ihren Dienst.

Die ersten 177 ausgelieferten Lokomotiven ab Werk besaßen noch keinen Schalldämpfer und erzeugten dadurch einen hohen Lärmpegel, weswegen sie auch umgangssprachlich als „Taigatrommel“ oder „Stalins letzte Rache“ bezeichnet wurden.

Eine spannende Sammlung von ost-europäischen Lokomotiven, wobei nicht wenige davon in bemitleidenswertem Zustand waren. Und der Regen machte es auch nicht angenehmer die Schmuckstücke anzuschauen oder im Detail zu betrachten.

Also noch kurz die grünen Dinger direkt am Eingang angeschaut. Genauer gesagt den Panzer-Triebwagen 16, einem deutschen gepanzerten Triebfahrzeug aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, der ab Januar 1944 von der Wehrmacht eingesetzt wurde. Abgekürzt im typisch deutschen Armee-Slang mit „Eisb. Pz. Tr. Wg. Nr. 16“.

Wir machten uns zurück ins Gebäude, denn der Regen wurde langsam nervig.

Und weil uns heute auch nicht nach viel mehr war, machten wir uns auf an dem 2021 anscheinend relativ unnötig renovierten, weil ohne sichtbaren Personenverkehr scheinenden, Bahnhof Warszawa Glowna zur Tram.

Um hier noch ein wenig unsere Runden zu drehen.

Spannend, weil man eben so ein wenig die alltäglichen Situationen und Gegenden sehen kann. Etwas, was wir Anfang des Jahres in Südafrika halt so gar nicht machen konnten.

Ab und an sieht man dabei auch was witziges wie diese aus „Google Translate“ stammende Übersetzung, dass man Fahrscheine doch bitte am Automaten kaufen solle.

Zu Fuß gingen wir dann noch durch ein … nennen wir es mal typisch ost-europäisches Viertel zu der letzten Sache, die wir heute noch vor dem Abendessen erledigen wollten.

Nämlich was Schnapps zu trinken!

Witzigerweise im gleichen Areal, wo wir am ersten Abend waren, dem Centrum Praskie Koneser, der alten Wodkafabrik „Koneser“, gibt es ein Wodkamuseum. Und das wollten wir uns anschauen.

Leider, oder im Hinblick auf den noch kommenden Abend und die Auswahl an geistigen Getränken glücklicherweise, kann man hier nur mit einer gebuchten Tour rein und die nächsten waren leider alle ausgebucht. Und uns war dann doch lieber pünktlich beim Abendessen zu sein als noch unbedingt ein alkoholisches Getränk nahegelegt zu bekommen, was uns beiden eher nicht schmeckt.

Also überlegten wir kurz und entschlossen uns dann zurück zum Hotel zu fahren. Auf dem Weg bemitleideten wir noch kurz die Bewohner dieses Hauses, deren Fenster von einer Werbung verkleidet wurden.

Tja und dann hieß es: Fertigmachen für das letzte kulinarische Highlight des Urlaubs. Und schonmal ein bisschen die Koffer packen, denn morgen geht es zurück nach Hause.

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