Frisch geduscht und schick gemacht fuhren wir die vielen, vielen Stockwerke hinab zur Straße, um von dort aus, wie es sich für den Besuch in einem der besten Restaurants des Landes gehört, mit dem Bus zu fahren!
Aber nicht der Weg ist das Ziel, das Ziel im Stadtteil Ujazdow war das Ziel: Das Restaurant „Rozbrat 20“, mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet.
Der Name ist übrigens wortwörtlich die Adresse des Restaurants, was in einem eher gut situierten Stadtteil liegt, in dem auch das Stadion des Fußballclubs Legia Warschau steht.
An der Tür wurden wir bereits freundlich empfangen, unsere Jacken wurden entgegen genommen und wir wurden zu einem Tisch in der Ecke geführt. Dort wurde uns erst einmal ein Willkommensgetränk in Form des hauseigenen Cocktails gereicht. Stilecht mit einem Eiswürfel, den das Logo des Restaurants zierte.
Der Guide Michelin schreibt über dieses Restaurant: „Das Rozbrat 20 hat es geschafft, seine Nachbarschaftsatmosphäre zu bewahren und sich gleichzeitig zu einem beliebten Restaurant in der Stadt zu entwickeln. Im Laufe der Jahre hat es sich kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert. Heute ist es ein eleganter Ort, an dem man vom vorderen Raum aus den erfahrenen Köchen bei der Zubereitung komplexer Gerichte mit kreativem Touch zusehen kann.“
In diesem vorderen Raum wurden wir auch in Sichtweite des Pass platziert und fühlten uns direkt recht wohl. Was dann, nachdem wir unsere Bestellung „Menü mit 2 Flaschen Wein, eine für die ersten Gänge und dann noch eine, je nachdem wann die erste leer ist!“ aufgegeben haben, gleich durch die Grüße aus der Küche gesteigert wurde. Klein, aber fein kamen eine Consommé aus Brotresten, ein Rindertartar mit Liebstöckel oder eine Foie Gras mit Haselnuss an den Tisch und zeigten die Bandbreite des Restaurants. Von klassisch französisch bis zu „polnisch modern“, falls das ein Stil ist.
Ach ja, mit Brot haben sie es ja eh in Polen. Und das hier war wieder hervorragend, wurde aber in Punkto Kreativität von der begleitenden Butter noch übertroffen.
Chef Bartosz Szymczak hat viele Jahre in London in der Sternegastronomie gearbeitet und von dort ein paar … nennen wird es mal Gewohnheiten mitgebracht. Eine davon endete in der bräunlichen Butter rechts, denn das war Butter mit Marmite, dem britischen Hefeextrakt, was man entweder liebt oder hasst. Letzteres ist übrigens tatsächlich die Werbekampagne von Marmite: „Love it or hate it!“
Naja, Jens Ding war das nicht und auch Meike war nicht sonderlich begeistert. Aber kreativ war es alle Male.
Die nächsten kleinen Grüße waren einmal ein Klassiker mit „Thunfisch und Kaviar“ und einmal eine kreative und kunstvoll arrangierte Lobster-Roll mit geräucherten Chillies und Koriander.
Beides der Knaller – spätestens hier waren wir sicher, dass auch das hier ein schöner Abend werden dürfte. Sommellier Adrian legte sich auch gut ins Zeug bei unsere Weinauswahl. Erst Recht nachdem wir ihn aus dem Bottigliera in Krakau von dem dortigen Wein-Fachexperten Michal gegrüßt haben. Denn Adrian war tatsächlich der Trauzeuge von Michal und fand es voll spannend, dass wir genau diese beiden Restaurants besuchen. Und er wollte, dass wir heute bessere Weine trinken, um ein bisschen anzugeben.
Witzigerweise gab es auch hier einen schönen Wein aus der Nähe von Straßburg, einen Riesling der auf dem Kieselboden spannende und starke Aromen und viel Tiefe gebildet hat.
Erster „richtige“ Gang war dann eine wunderbare Forelle mit Tomate und Basilikum. Erst einmal eine einfach scheinende Kombination, durch den gut dosierten Kaviar mit einer schönen Salzigkeit und durch den klaren Tomatensud mit dem Basilikum aber interessant technisch umgesetzt. Und schön anzusehen auch noch.
Apropos „sehen“: In die Küche konnten wir gut schauen und wieder einmal staunen, wie ruhig es doch auch zugehen kann. Und der ein oder andere Scherz wurde auch gemacht, zumindest kam hier und da ein leises Lachen aus der Küche zu uns an den Tisch. Das Paar im Hintergrund kannte den Chef übrigens noch aus London und wurden von ihm zwischendurch sehr herzlich begrüßt. Man fährt hier also auch hin, um zu Essen und das zeugt von einer von vielen geschätzten Küche. Stammkunden muss man sich halt erarbeiten.
Weiter ging es mit einem Gang, vor dem Jens aufgrund der zu erwartenden Textur etwas Sorge hatte. Unbegründet, denn die Schnecken mit Dill und Walnüssen waren hervorragend und brachten richtige Herbst-Gefühle auf. Und waren natürlich perfekt zubereitet.
Handwerklich war das hier sowieso alles sehr gut. Was aber immer dazu kam, waren die vielen Kräuter und Blumen, die die Gerichte zierten und zugleich auch das Gericht ergänzten. Als Beweis war das kleine Broiche, was es zu den Schnecken gab.
Zum ersten Mal ein kleiner asiatischer Einschlag gab es beim nächsten Gang mit zwei Gyozas, die Langustine mit Kohlrabi beinhalteten und von einem wärmenden Kombu-Sud umgeben wurden Man ist hier eben auch in der Hauptstadt des Landes und somit auch eher internationaler aufgestellt. Beziehungsweise werden hier mehr Einflüsse in das Menü eingearbeitet. Die Kombination war ebenfalls schön zusammengestellt, komplex aber nicht zu verkopft.
Wohlfühlküche.
Die erste Weinflasche war hier auch geleert und so kam Adrian mit einem Wein aus dem Weinkeller an, den er uns wärmstens ans Herz legte.
Der Wein passte zu den nun folgenden Gängen hervorragend, denn es wurde wieder etwas polnischer und damit herzhafter. Wobei der Ponzu-Sud wieder ein asiatischen Touch dazu gab. Die beiden „Dumplings“ mit Wagyu müssen in einem Land was quasi von Piroggen lebt perfekt sein und waren es auch. Die Kräuter brachten noch einen spannenden Touch dazu, wobei wir uns leider nicht gemerkt haben, was das war.
Am Pass wurden derweil die Hauptgänge angerichtet. Wobei wir erst einmal das hervorragende Wagyu, die gut dimensionierte Trüffel und die hervorragenden Dumplings genossen. Das waren nämlich Meisterstücke und trafen vom Aroma, den Texturen und den Zutaten genau unser Beuteschema.
Das Besteck signalisierte dann auch: Es wird Fleisch geben!
Und das sogar hervorragendes, denn Jens gönnte sich ein Upgrade auf ein Wagyu mit Zwiebeln und Buchweizen.
Hier sprechen die Bilder mehr als tausend Worte!
Perfekt gebraten, perfekte karamelisierte Kruste, butterzart marmoriertes Fleisch – einfach sehr, sehr gut!
Meike bleibt beim „normalen“ Hauptgang, der nicht weniger beeindruckend war. Denn die Taube mit Zucchini und Pfeffer war auch beeindruckend gut!
Wie schlemmten und genossen. Und waren wieder einmal glücklich, dass wir uns sowas leisten können.
Pre-Dessert kam mit einer ungewöhnlich Kombination daher nämlich Trüffel, Birne und Yuzu.
Klingt merkwürdig, war aber überraschend klar und die einzelnen Zutaten harmonierten echt gut.
Getränketechnisch waren wir auch wieder fast auf dem Trockenen und so wurde uns für den Nachtisch noch ein schöner Tokaj angeboten. Süßwein geht ja immer, zumindest wenn man Meike fragt.
Und zum Limettenquark mit Bergamotte sowie einem Whisky Sour Jelly passte er wirklich sehr, sehr gut.
Zwischendurch hatten wir uns, wie immer, auch angenehm unterhalten. Und so erfuhr Adrian auch von den Digestiven, die vor ein paar Tagen in Krakau genossen durften. Und nach dem Dessert und unserem „Ja“ auf die Fragen nach einem letzten Getränk meinte er dazu nur „Na, das kann ich besser …“ verschwand er für ein paar Minuten im Keller und kam dann mit drei Gläsern und drei Flaschen zurück. Zitat „Naja, mal schauen was Dir am Besten schmeckt …“
Ein dreckiger Job, aber einer muss ihn ja machen. Gewinner war übrigens der Brand in der Mitte, ein überraschend klarer Schnaps aus der Region.
Letzte Pralinen, ein Espresso bei Jens beziehungsweise ein Tee bei Meike und noch ein paar letzte Worte und dann war es auch leider schon vorbei.
Wie immer bei so einem Essen waren wir angenehm gesättigt und gingen ein paar Meter zum Bus zurück zum Hotel. Der dann auch kurz danach kam und mit dem wir in 10 Minuten wieder an unserem Hotel waren.
Was blieb vom Rozbrat hängen? Einerseits wieder der sehr aufmerksame und sympathische Service. Andererseits die doch eher internationale Küche im Gegensatz zum Bottigliera in Krakau, die hier ebenfalls auf einem äußerst hohen Niveau gezeigt wird. Und immer waren auch hier die polnischen Basics zu sehen, aufgelockert durch asiatische, französische oder sogar britische Einflüsse.
Spannende Kombinationen und wirklich wieder eine echte Empfehlung.



























