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Einmal durch Hannover im Winter

Hannover also. Eine Stadt, die als Synonym für „Langweilig“ oder auch „Stadt ohne Eigenschaften“ (frei nach Robert Muslis) genannt wird. Aber die doch, wie wir noch sehen werden, einiges zu bieten hat, selbst an einem tristen November-Samstag.

Das Hotel liegt direkt neben dem ehemaligen Bahlsengelände, dem 1889 von Hermann Bahlsen gegründeten Familienunternehmen der Backwarenbranche. Und wer kennt nicht den Leibnitz-Keks, dessen Werbeslogan übrigens so ging: „Was ißt die Menschheit unterwegs? Na selbstverständlich Leibniz Cakes!“

Fun Fact (wir lieben ja sowas): Im Jahr 1903 wurde das seit 1896 als Markenzeichen eingetragene springende Pferd durch das TET-Zeichen ersetzt, das der Grafiker Heinrich Mittag entworfen hatte. Die ägyptische Hieroglyphe, zusammengesetzt aus den Zeichen Kobra, Brotlaib und Land (bzw. Erde, Ewigkeit) bedeutet „ewig dauernd“, ein Hinweis auf die durch Verpackung in Wachspapier noch gesteigerte Haltbarkeit des Dauergebäcks. Die Idee dazu hatte der hannoversche Museumsdirektor Friedrich Tewes von einer Ägyptenreise mitgebracht. 1904 kam die erste TET-Packung mit Leibniz-Cakes für 30 Pfennig auf den Markt.

Hohen Wortwitzfaktor hatte dann auch direkt der erste Frisörladen, den wir sahen.

Wie gesagt hatten wir uns für heute wieder einen unser bei „GPSMyCity“ hinterlegten GPS Tracke ausgesucht, der uns an mehreren Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbeiführen sollte. Dazu mussten wir aber erst einmal zum Startpunkt kommen, was bedeutete an einer der trostlosesten Haltestellen auszusteigen, die wir jemals gesehen haben: Waterloo!

Der Waterlooplatz in Hannover ist eine etwa vier Hektar große Rasenfläche im Stadtteil Calenberger Neustadt. Auf dem Platz steht die Waterloosäule. Platz und Säule entstanden im 19. Jahrhundert zur Erinnerung an die Schlacht bei Waterloo 1815 (Napoleons letzte Niederlage). Während die Platzanlage bei ihrer Entstehung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ursprünglich ein Kasernenareal umgab, liegt sie heute inmitten des Regierungs- und Verwaltungsviertels der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Für uns ging es nach einem kleine Spaziergang zum neuen Rathaus, 1913 von Wilhelm II. eröffnet. Das wilhelminische Bauwerk wurde in 12 Jahren im Stil der Neorenaissance errichtet und ersetzte das (logischerweise) alte Rathaus, was 1230 entstand.

Der Platz vor dem Rathaus ist übrigens der „Platz der Menschenrechte“. Ist ja auch gut, dass Politiker daran erinnert werden, könnte man mal auch woanders übernehmen …

Nächster Halt war die Aegidienkirche, eine im 14. Jahrhundert entstandene Kirche und die östlichste der drei Altstadtkirchen (die beiden anderen sind Marktkirche und Kreuzkirche). Benannt wurde sie nach dem Heiligen Ägidius, einem der 14 Nothelfer. 1943 wurde die Kirche bei den Luftangriffen auf Hannover durch Bomben zerstört. Die Kirche wurde nicht wiederaufgebaut, ihre Ruine dient heute als Mahnmal für die Opfer von Kriegen und Gewalt, auch im Rahmen des jährlichen Hiroshima-Tages.

Innen gab es mehrere coole Dinge zu sehen, wie beispielsweise die „Schlangenlinie“ von Dorothee von Windheim, die den Schatten der spitzen, von Efeu und Wein überrankten Jochgiebel zeigt, wie er sich zu einer bestimmten Stunde auf dem Boden abzeichnet.

Im Turmeingang hängt ein Geschenk der japanischen Partnerstadt Hannovers, die 1985 von Hiroshima gestiftete Friedensglocke. Sie wird am 6. August jeden Jahres beim Gedenkgottesdienst für die Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima angeschlagen.

Durch den Rand der Altstadt ging es an einigen älteren Gebäuden vorbei. Hannover wurde im zweiten Weltkrieg stark getroffen, daher hat man den üblichen Architektur-Mix aus „Stand noch“ und „Musste neu gebaut werden“

Zwischendrin auch mal eine Aktion gegen die unüberlegte und unreflektierte Aussagen des aktuellen Bundeskanzlers.

Nächster Halt: Die Markthalle Hannover, 1954 in Betrieb genommen und heute im Volksmund Bauch von Hannover heißt. Die Markthalle befindet sich gegenüber dem Alten Rathaus am Rande der Altstadt. Der hier 1892 errichtete Vorgängerbau wurde im Zweiten Weltkrieg bei den Luftangriffen auf Hannover 1943 weitgehend zerstört und später abgerissen. Entworfen wurde die erste Markthalle von dem Architekten und Stadtinspektor Paul Rowald, dem die anlässlich der Pariser Weltausstellung 1889 gebaute Galerie des Machines als Vorbild diente. Entsprechend fiel der Bau als Eisen- und Glaskonstruktion mit gemauerten Seitenwänden aus. Am 26. Juli 1943 wurde sie leider bei einem Bombenangriff zerstört.

In den 1950er Jahren forderten 75.000 Bewohner von Hannover in einer Unterschriftensammlung den Wiederaufbau der Markthalle. Sie entstand 1954 nach Plänen des Architekten Erwin Töllner am Standort der zerstörten Markthalle. Es handelte sich um einen reinen Zweckbau.

Und da wir kein Frühstück gebucht hatten, gingen wir dann auch gleich mal rein. Und es war picke-packe voll.

Naja und eine hungrige Meike und ein hungriger Jens kommen nur schwer an sowas vorbei.

Gibt ja wenig besseres als ein Fischbrötchen als Frühstück. Meike gönnte sich einen Backfisch.

Gesättigt ging es dann weiter in Richtung Altstadt, vorher ging es aber noch am Landtag vorbei. Und dort steht das „Denkmal der Göttinger Sieben“, was an ein bedeutendes Ereignis der deutscher Verfassungsgeschichte erinnert. Es ehrt sieben Persönlichkeiten aus der niedersächsischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, die sogenannten Göttinger Sieben: Friedrich Christoph Dahlmann, Wilhelm Eduard Albrecht, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Heinrich Ewald, Georg Gottfried Gervinus und Wilhelm Weber.

Die Göttinger Sieben waren eine Gruppe von Göttinger Professoren, die 1837 gegen die Aufhebung der 1833 eingeführten liberalen Verfassung im Königreich Hannover durch Ernst August I. protestierten. Die sieben Professoren wurden deshalb entlassen. Drei von ihnen wurden darüber hinaus des Landes verwiesen, dargestellt durch die drei, die durch die Tür gingen.

Alle sieben sind früher oder später wieder in ehrenvolle akademische Wirksamkeit zurückberufen worden, Ewald und Weber sogar nach Göttingen selbst. Die Protestation, der Protestbrief, fand im ganzen Deutschen Bund Verbreitung und förderte eine liberale Gesinnung.

Direkt daneben dann ein Vorbote des heutigen Abends, das Restaurant Votum!

Erst einmal wollten wir aber die Stadt erkunden und das ging weiter mit dem alten Rathaus, genauer gesagt dem Schaugiebel. Die Luftangriffe auf Hannover führten 1943 zur teilweisen Zerstörung des Gebäudekomplexes, vor allem seiner ältesten Teile. 1953 fanden Wiederherstellungen statt und 1964 wurde der Schaugiebel an der Westseite rekonstruiert.

Und … naja, es war halt auch Advent. Also war alles voller Weihnachtsmärkte und dementsprechenden Menschen. Wir konnten aber der Verlockung widerstehen. Noch!

Bei dem kalten Wetter war uns auch eher nach einem Heißgetränk und da war uns schon morgens die „Holländische Kakao Stube“ positiv aufgefallen. Na, da gehen wir doch gleich mal hin.

Ein erstaunlich großes Cafe mit einem netten Kellner und ganz ok-isch Kakao.

Aber wir wärmten uns etwas auf und überlegten, was wir noch machen wollen. Naja, Weihnachtsmarkt geht ja immer, auch wenn die angebotenen Waren und Dienstleistungen doch relativ generisch waren und genau so auf dem Kölner Weihnachtsmarkt gefunden werden können. Nix besonderes.

Zu spät gesehen haben wir, dass in Hannover die größte Pagode Europas steht, die Vien Glac am Messegelände. Was wir aber gefunden haben, ist die Marktkirche, an der an drei Ecken des Turms Zeichen angebracht wurden. Und für uns überraschenderweise auch an der Ostseite ein umgedrehtes Pentagramm (Drudenfuß).

Die fünf Spitzen stehen nach der gängigen christlichen Interpretation für die fünf Wunden Christi, die Jesus bei seiner Kreuzigung erlitten haben soll und im Christentum daher besonderen Symbolcharakter besitzen. Entgegen der weit verbreiteten Meinung hat das Pentagramm durchaus auch im Christentum seinen Platz und darf nicht gleich als Ausdruck der Teufelsanbetung verstanden werden.

Das Pentagramm diente bereits im Mittelalter im Sinne der kirchlichen Lehre dem Zweck, das Böse in Form von Albtraum verursachenden Dämonen wie Druden von den Menschen fernzuhalten (daher auch der Name Drudenfuß). Auch der goldene Schnitt, der zuweilen als göttliche Proportion aufgrund seiner geometrischen Harmonie Einzug in zahlreiche Kunstwerke bis in die heutige Fotografie findet, vereint sich im Pentagramm. Was also auf den ersten Blick seltsam erscheint, ist nach genauerer Betrachtung schlüssig: Das Pentagramm ist schlicht eine Erinnerung an das Leiden Jesu Christi und ein Bannzeichen.

Weiter ging es mit einem der ältesten, noch erhaltenen Gebäude der Stadt: Das 1576 errichtete Broyhanhaus. Das auf den Kellermauern eines Vorläuferbaus aus dem 14. Jahrhundert stehende Haus ist das zweitälteste erhaltene Fachwerkgebäude von Hannover. Das Haus ist nach dem Bierbrauer Cord Broyhan († 1570 in Hannover) benannt, der den Vorläuferbau von 1537 bis 1561 bewohnte. Und … Bierbrauer? Hmmm …

Unsere Selbstbeherrschung hatte schon diverse Proben überstanden, hier war jetzt Feierabend und wir setzten uns an die Bar, bestellten ein Bier und spielten was Backgammon. Gemäß dem Motto, was über der Bar hing.

Allzu lange wollten wir aber nicht da bleiben, obwohl es schon sehr angenehm war. Aber das Abendessen wollte vorbereitet sein und außerdem hatten wir noch was einzukaufen. Denn in der Markthalle gab es neben Fischbrötchen und Backfisch …

… den Bahlsen-Outlet!

Hmmm …

Meike kaufte ein paar Kleinigkeiten, Jens konnte sich zu seiner eigenen Überraschung wieder beherrschen und kaufte gar nichts.

Und so ging es überraschend leicht bepackt zurück zum Hotel, um sich auf das Abendessen vorzubereiten. Hannover ist für uns immer noch eine relativ uninteressante Stadt, wenn man aber genauer hinschaut, gibt es doch einiges zu entdecken.

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